Unser Leitartikel:
Wie die Maden im Speck

Die jüngste Studie der Salariatskammer, »Compétitivité vs cohésion«, ist es wert, dass ihre Erkenntnisse während der kommenden Monate die politische Diskussion beleben und von den Gewerkschaftsmilitanten in den Betrieben verbreitet werden, da sie mit einigen hartnäckigen Vorurteilen aufräumen, welche immer wieder vom Patronat in die Welt gesetzt werden.

In der Studie wird nachgewiesen, dass die Arbeitsproduktivität in Luxemburg, im Vergleich zu allen anderen EU-Ländern auf sehr hohem Niveau ist, und dass die die Lohnstückkosten in Luxemburg deutlich niedriger sind als in den meisten EU-Ländern.

Der Wettbewerbsvorteil kommt noch deutlicher zum Ausdruck, wenn man einen Vergleich mit unseren direkten Nachbarländern, die auch unsere größten Handelspartner sind, macht. In Luxemburg fallen von jedem Euro Mehrwert, den ein Lohnabhängiger produziert, 0,5 Euro an Lohnkosten an. In Deutschland sind das 0,55 Euro (10 Prozent mehr), in Frankreich 0,57 Euro und in Belgien 0,61 Euro (22 Prozent mehr).

Der Wettbewerbsvorteil ist noch größer, wenn man andere, für das Kapital wichtige »Standortvorteile« berücksichtigt, wie beispielsweise die sehr niedrigen Kapitalsteuern oder die geringe Streikbereitschaft. Allerdings sind extrem positive Verwertungsbedingungen keine Garantie dafür, dass es nicht zu Betriebsauslagerungen kommt. Aber das hat dann nichts direkt mit hohen Lohnstückkosten und niedriger Wettbewerbsfähigkeit zu tun, sondern mit Profitmaximierung.

Während der vergangenen Monate gab es in Luxemburg gleich zwei Bilderbuchbeispiele dafür, wie Profitmaximierung dazu führt, dass rentable Betriebe geschlossen und hochproduktive Arbeitsplätze zerstört werden. Den Besitzern dieser »Traditionsbetriebe« – es handelt sich um den Porzellanhersteller Villeroy & Boch und die Druckerei Victor Bück – war die kapitalistische Finanz- und Wirtschaftskrise eine willkommene Gelegenheit, um ohne Rücksicht auf mehrere Hundert Beschäftigte und deren Familien, anzukündigen, die Produktion werde gestoppt und der Betrieb geschlossen.

Die zwei Betriebe werden nicht wegen zu niedriger Produktivität, zu hoher Lohn- und Lohnnebenkosten oder wegen leerer Auftragsbücher geschlossen, sondern wegen der Jagd der Besitzer auf Maximalprofite. Weshalb die Produktion nicht eingestellt, sondern in osteuropäische Länder ausgelagert wird, mit deren »Befreiung« vor 20 Jahren auch das Verbot des Maximalprofits und der Überausbeutung aufgehoben wurde.

Der Luxemburger Staat garantiert den Profitjägern nicht nur, dass sie sich zusätzlich eine goldene Nase mit dem Verschachern der Unternehmensimmobilien verdienen dürfen, sondern der Steuerzahler muss auch noch für die von den Kapitalisten verursachten »Kollateralschäden« zahlen.

Doch so funktioniert der Kapitalismus, woran sich nichts ändern wird, solange die Schaffenden den Kopf einziehen oder jammern, ohne zu erkennen, dass sie sich dieses System nicht mehr leisten und die Verhältnisse ändern müssen. Damit Schluss ist mit Profitmaximierung im Interesse einer kleinen Minorität von Kapitalbesitzern, die dank der Unterstützung des kapitalistischen Staates auf Kosten der großen Mehrheit der Schaffenden wie die Maden im Speck leben.

Ali Ruckert

Ali Ruckert : Mittwoch 15. Juli 2009