Unser Leitartikel:
Die Grundtorheit unserer Epoche

Große Denker schreiben zuweilen Sätze, über die man trefflich diskutieren, verschiedener Meinung sein und heftig streiten kann. Und genau dann haben sie ihr Ziel erreicht, nämlich zum Nachdenken und zum Erkenntnisgewinn anzuregen. Einer dieser Sätze ist jener: »Der Antikommunismus ist die Grundtorheit unserer Epoche«. Ausgesprochen hat ihn einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts, Thomas Mann, in einer Rede im Jahre 1943. Gerichtet war er vor allem an die Intellektuellen, an deutsche und andere europäische Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler, die von den deutschen Faschisten aus ihrer Heimat vertrieben worden waren und die darüber nachzudenken begannen, wie es nach dem militärischen Sieg der Sowjetunion und ihrer Verbündeten über Nazideutschland weitergehen sollte.

Thomas Mann, der nie in seinem Leben selbst Kommunist war, hatte erlebt und zahlreiche Berichte darüber erhalten, wie die Kommunisten im Jahre 1933 die allerersten Opfer der Nazis geworden waren, zu Hunderten, Tausenden in Gefängnisse und Konzentrationslager eingesperrt und die meisten von ihnen dort ermordet oder zu Tode gequält wurden. Die Kommunisten waren die entschiedensten Gegner der Nazis – weil sie die einzigen waren, die eine wissenschaftliche Theorie zur Errichtung einer neuen Gesellschaft besaßen, die frei von Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sein sollte und die Sozialismus heißt. Um das zu verhindern, hatte das Kapital den Faschisten die Macht übergeben.

Der Haß der Herrschenden gegen die Kommunisten hatte sich um keinen Deut verringert, nachdem die Alliierten dem Nazispuk ein Ende bereitet hatten. Er wurde noch größer, als es im Osten Deutschlands und in mehreren osteuropäischen Ländern – unter Führung der Kommunisten – gelang, die Nazi- und Kriegsverbrecher und alle Großkapitalisten zu enteignen und die Grundlagen für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft zu schaffen. Erneut schlossen sich »alle Mächte des alten Europa zu einer heiligen Hetzjagd« zusammen, wie sie bereits Marx und Engels 1848 im »Manifest der Kommunistischen Partei« beschrieben hatten. Am 13. Juli 1949 – gestern vor genau 60 Jahren – erklärte Papst Pius XII. die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei zu einer Todsünde und verfügte die Exkommunikation aller Kommunisten.

In der Bundesrepublik Deutschland, in deren erster Regierung 1949 unter dem auch in Luxemburg immer noch verehrten Kanzler Adenauer mehr Nazis saßen als in der ersten Hitler-Regierung 1933, wurde der Antikommunismus rasch zur Staatsdoktrin. Schon 1951 wurde die Freie Deutsche Jugend (FDJ) wegen ihrer Nähe zur Kommunistischen Partei verboten, und 1956 untersagte das höchste Gericht der BRD die Tätigkeit und die Existenz der KPD. Beide Verbote sind bis heute gültig!

Eine ähnliche Entwicklung gab es nach 1990 in Osteuropa, wo mehrere kommunistische Parteien und deren Symbole verboten und ihre Repräsentanten eingesperrt wurden. Nicht etwa wegen nachgewiesener Verbrechen, sondern wegen der Tatsache, daß sie 40 Jahre lang den Kapitalisten die Macht über die Wirtschaft vorenthalten hatten. Und genau deswegen, aus keinem einzigen anderen Grund, sollen die Kommunisten heute wieder kriminalisiert werden, wie jüngst in einer Resolution der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.

Thomas Mann war wirklich ein kluger Autor.

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Dienstag 14. Juli 2009