Unser Leitartikel:
Vor stürmischen Zeiten?

Ab nächster Woche sind die Schulkinder in Ferien, zwei Wochen später beginnt im Bausektor der Kollektivurlaub. Auch in vielen anderen Wirtschaftssektoren wird in den nächsten Wochen langsamer getreten, so wie es in den Sommermonaten üblich ist. Alles im grünen Bereich, könnte man also meinen, ... würde da in vielen Firmen nicht die große Ungewissheit herrschen, wie es nach den Sommerferien um die Auftragshefte bestellt sein wird. Denn dass in den nächsten Wochen auf Sparflamme gekocht wird, hat vielerorts nicht allein mit den Sommerferien zu tun.

Dass in der Stahlindustrie die Produktion schon vor Monaten um nahezu 50 Prozent zurückgefahren, dem Personal des Reifenherstellers Goodyear Feierschichten zuhauf aufgebrummt und bei Dupont trotz Kurzarbeit die Stillegung einer Produktionslinie beschlossen wurde, sind bekanntlich direkte Folgen der kapitalistischen Wirtschaftskrise.

Probleme gibt es in vielen anderen Firmen auch, wie es die steigenden Arbeitslosenzahlen und die seit Monaten massive Kurzarbeit zeigen. Ein Blick über unsere Landesgrenzen hinaus genügt, um zu sehen, dass es kaum einen Wirtschaftszweig gibt, der nicht in irgendeiner Form – direkt oder indirekt – von den Folgen der Krise betroffen wäre. Zusätzlich gibt es eine ganze Anzahl rücksichtsloser Unternehmer, die von der Krise profitieren, um sich aus reiner Profitgier eines Teils ihrer Mitarbeiter zu entledigen.

Zahlreiche Arbeitsplätze sind in den beiden letzten Monaten vernichtet worden. Weitere werden in nächster Zukunft mit Sicherheit folgen, weil erstens die Wirtschaftskrise im kapitalistischen System nicht zu lösen sein wird, und zweitens versucht wird, die Probleme letztendlich immer auf dem Buckel der Schaffenden zu lösen. Die Quittung wird stets ihnen serviert.

Wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen, befürchten jedoch, dass es im Herbst zum großen Knall kommen könnte und der Rotstift fortan verstärkt im Einsatz sein wird. Besonders in jenen Betrieben, in denen seit Monaten regelmäßig kurzgearbeitet wird. Wer bei den zu befürchtenden Restrukturierungen das Glück haben sollte, nicht entlassen zu werden, sollte sich darauf einstellen, dass er künftig mit schlechteren Arbeitsbedingungen konfrontiert sein dürfte. Denn je länger die Schlangen vor den Arbeitsämtern sein werden, umso rücksichtsloser wird das Patronat mit den Schaffenden herumzuspringen versuchen.

Bei derart schlechten Aussichten wären die Gewerkschaften gut beraten, sich auf stürmische Zeiten vorzubereiten. Und zwar an allen Fronten. Sowohl in Verhandlungen zur Erneuerung von Kollektivverträgen – bei denen Lohnforderungen weiter Priorität haben müssen – wie allen voran im Kampf um den Erhalt eines jeden Arbeitsplatzes.

»Wir zahlen nicht für eure Krise«, hatte es bekanntlich am 16. Mai 2009 bei der großen Protestaktion der Gewerkschaften geheißen. Eine Kampfansage, die im Herbst, sollte es zum gefürchteten Knall kommen, resolut in die Praxis umgesetzt werden muss.

In diesem Sinne in den Sommerferien die nötige Kraft tanken, um Patronat und Politik zur rechten Zeit die Stirn bieten zu können.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Samstag 11. Juli 2009