Unser Leitartikel:
Nicht einmal Almosen

Ist es nicht peinlich, wenn sich die obersten Führer der wichtigsten Industriestaaten für teures Geld zu einem Ort in Italien kutschieren lassen, dann ein halbherziges Klimaziel formulieren, diesen Unfug als bedeutenden Erfolg ihrer unermüdlichen Anstrengungen über alle Medien hinausposaunen lassen – und sich dann am nächsten Tag einen Rüffel von UNO-Generalsekretär einhandeln?

Selten hat der Chef der UNO den Oberhäuptlingen von acht seiner wichtigsten Mitgliedstaaten mit so deutlichen Worten gesagt, daß sie ihre Hausaufgaben nicht erledigt haben. Das Klimaschutzziel des Treffens der G8 sei nicht weitgehend genug, kritisierte Ban Ki Moon gestern. Es fehlten mittelfristige Zielstellungen und vor allem Hinweise zur Finanzierung des Unterfangens durch die Entwicklungsländer.

Und tatsächlich ist es ein absolutes Armutszeugnis, wenn den führenden Köpfen der acht Länder – und damit sind die zahlreichen Berater der Staats- und Regierungschefs gemeint – nichts weiter einfällt, als sich darauf zu einigen, daß eine Erderwärmung von mehr als zwei Grad unbedingt zu vermeiden ist. Noch schlimmer ist, wenn diese Leute und ihre Chefs sich dafür auch noch lauthals selbst beglückwünschen und auf die Schultern klopfen. Wer von diesen Leuten noch einen Rest seines Gedächtnisses bewahrt hat, müßte sich eigentlich an die vollmundig verkündeten »Millenniumsziele« erinnern, laut denen in absehbarer Zeit die Armut in der Welt halbiert werden sollte. Und wo stehen wir heute, beinahe zehn Jahre nachdem sich schlaue Köpfe das Halbierungsziel ausgedacht haben? An einem Punkt, an dem man eher eine Verdoppelung des Elends befürchten muß!

Auch damals wurden keinerlei verbindliche Festlegungen getroffen, auf welchem Wege man die Armut halbieren könnte – ganz zu schweigen davon, daß es eigentlich sinnvoller wäre, die Armut ganz abzuschaffen. Den Ländern, in denen die Armut am größten ist, wurden keinerlei verifizierbare Zusagen gemacht, wie sie von ihren Schuldenbergen herunterkommen könnten. Wenn überhaupt, wurden ihnen Wege gezeigt, wie man aus Profiten in kurzer Zeit Maximalprofite macht. Und in wessen Taschen fließen diese Gewinne? Wie man am Beispiel Indien sehen kann, das außer Herrn Lakshmi Mittal noch andere Milliardäre hervorgebracht hat, wächst mit den Maximalprofiten gleichzeitig das maximale Elend im eigenen Land. Und in nicht ganz so krasser Form passiert das auch in den ach so wohlhabenden Ländern Westeuropas und Nordamerikas.

Und jetzt wird wieder ein wohlklingendes Ziel verkündet, gleichzeitig darauf hingewiesen, daß bei der Verhinderung der Erderwärmung auch die sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländer mit am Strang ziehen müssen, aber niemand sagt diesen Ländern, woher sie künftig die Energie nehmen sollen, um sich nicht selbst zu strangulieren. Nicht einmal Almosen hatte man für sie übrig.

Bisher haben es auch die technologisch am höchsten entwickelten Staaten nicht geschafft, den Ausstoß klimaschädlicher Gase spürbar zu reduzieren. Die Abgase der in Westeuropa und in den USA gebauten Autos sind nicht weniger umweltschädigend als vor zehn oder zwanzig Jahren, lediglich wurde das Problem durch das massenweise Verschieben alter Autos nach Osten und Süden territorial verlagert.

So ähnlich dürfte es dem gefeierten »Zwei-Grad-Ziel« gehen. Und am Ende ist wieder niemand schuld.

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Freitag 10. Juli 2009