Unser Leitartikel:
Wieder einen Krieg verloren

Es wird nicht so gern darüber gesprochen, aber die israelische Armee hat seit 1967 keinen ihrer Kriege gewonnen. Das bisher vorletzte Scharmützel vom Sommer 2006 im Libanon ist uns noch in sehr schlechter Erinnerung, und wer den jüngsten Feldzug im Gazastreifen als »Erfolg« für Israel verbucht, hat die falschen Nachrichten gelesen.

Da hat der israelische Kriegsminister seine gesamte Streitmacht aufgeboten und auch tausende Reservisten mobilisiert, um die Bewohner eines kleinen Fleckchens Erde, das man zuvor schon mit Waffengewalt eingeschlossen und immer wieder hinterrücks mit Luftwaffen-Terror und marodierenden Stoßtrupps auf dem Boden attackiert hatte, nun vollends auf die Knie zu zwingen. Die Leute sollten endgültig dafür bestraft werden, daß sie bei den Parlamentswahlen den Israel-Freunden der Fatah-Führung eine Abfuhr erteilt und dafür die Hamas gewählt hatten, mit der Israel überhaupt nicht klarkommt, obwohl der israelische Geheimdienst der eigentliche Geburtshelfer der Hamas war.

Drei Wochen Krieg haben dem Aggressor nicht den geringsten militärischen Erfolg gebracht. Er hat es nicht einmal geschafft, die Kämpfer der Hamas zu organisiertem Widerstand herauszufordern. Die sogenannten Militäroperationen, die in den Medien auch gern als »Kämpfe« bezeichnet wurden, beschränkten sich offenbar darauf, möglichst viele Häuser aller Art, auch UNO-Schulen, mit Flugzeugen, Artillerie und Panzern zu zerschießen und alle Leute abzuknallen, die den bis an die Zähne bewaffneten Angreifern über den Weg liefen. Daher auch das Verhältnis von mindestens 1.300 toten Palästinensern zu 13 toten Israelis. Die deutsche Wehrmacht hat seinerzeit in den besetzten Gebieten für jeden von Widerstandskämpfern oder Partisanen getöteten Soldaten zehn Zivilpersonen umgebracht. Das haben die israelischen Aggressoren weit überboten. Und dennoch nichts erreicht, außer eine unbeschreibliche Verwüstung und maßloses Elend anzurichten.

Daß am Wochenende die Waffen zum Schweigen gebracht wurden, dürfte entgegen den Behauptungen der israelischen Hauptkriegsverbrecher Olmert, Livni und Barak vor allem drei Gründe haben. Erstens: Die Weltöffentlichkeit hatte zu stark aufbegehrt, die Stimmung gegen Israel nahm bedrohlich zu. Zweitens: Es war alles zerstört, die Luftwaffe hatte keine Ziele mehr. Und drittens: Man will die Show des Jahres in Washington, die Amtseinführung des neuen USA-Oberkommandierenden, nicht mit Nachrichten von gemeuchelten Kindern stören. Wahrscheinlich hat die neue Außenministerin Clinton ihrer Amtskollegin Livni am Samstag in Washington zwischen zwei Streicheleinheiten einen entsprechenden Wink gegeben…

Was wir in den letzten drei Wochen im Gazastreifen erleben mußten, war das Aufbäumen einer radikalen israelischen Führungsclique, die Beschlüsse der UNO und internationale Konventionen wie Altpapier behandelt und für die offenbar kein Verbrechen existiert, das sie nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens. Und die EU-Oberen machen sich mit diesen Ganoven gemein, indem sie ihnen die blutigen Hände ablecken und nun auch noch das Ultimatum stellen, es würden erst Hilfsgelder der EU nach Gaza fließen, wenn die Hamas nicht mehr regiert.

Es gibt bei diesem Krieg keine Sieger. Verloren haben alle: die Israelis, die Palästinenser, die UNO und die internationale Öffentlichkeit. Und auch der neue USA-Präsident, dem Israel schon vor Amtsantritt seine Grenzen gezeigt hat.

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Dienstag 20. Januar 2009