Unser Leitartikel:
Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!

Zwei neue Hiobsbotschaften in nur wenigen Tagen: Die traditionsreiche Druckerei Buck (nennt sich seit zwei Jahren Qatena) macht dicht, 90 Beschäftigten wird der Stuhl vor die Tür gesetzt. Und die Schweizer UBS-Bank entlässt 41 Mitarbeiter, sodass die Zahl der innerhalb nur weniger Monaten abgebauten Stellen im Bankensektor auf über 400 steigen wird.

Bei Villeroy & Boch soll den über 200 Beschäftigten, die nach der angekündigten Einstellung der Produktion ihren Job los sein werden, über den »maintien dans l’emploi« eine Formation angeboten werden, wobei sich die Gewerkschaften schon zum heutigen Zeitpunkt damit abfinden müssen, dass nur die Allerwenigsten anschließend bei einer anderen Firma eine Anstellung finden werden. Erinnert sei hierbei an die Schließung der Monopol-Filialen und an die falschen Hoffnungen, die man dem entlassenen Personal damals gemacht hatte. Heute, rund zwei Jahre nach Schließung der letzten Filiale, sind weiterhin mehr als die Hälfte des früheren Monopol-Personals als Arbeitsuchende bei der Adem eingeschrieben.

Drei Nachrichten, die zu bestätigen scheinen, dass unsere Warnung der vergangenen Monate an die Schaffenden, nach dem 7. Juni werde es erst so richtig los gehen mit Sozialabbau und Arbeitsplatzvernichtung, keinesfalls übertrieben war.

Wobei, Villeroy & Boch, UBS und Buck erst den Anfang machen dürften. Denn Probleme gibt es derzeit in vielen anderen Betrieben auch. Mehr als 15.600 Arbeitsuchende und nahezu 11.000 Kurzarbeiter sprechen in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache.

Weshalb eigentlich unsere zunehmende Sorge? Nun, weil die Warnsignale, die uns direkt »vum Terrain« erreichen, immer deutlicher werden. In der Stahlindustrie, bei Dupont de Nemours, Goodyear und Zulieferfirmen für die Automobilindustrie sind weiter und teilweise sogar in größerem Maße als bisher Feierschichten an der Tagesordnung. Im Sektor Handel ist wieder das Gespenst der längeren Ladenöffnungszeiten aufgetaucht, im Reinigungssektor werden kollektivvertragliche Abmachungen mit Füßen getreten und im Sozial- und Pflegesektor mehren sich die Zeichen, dass ein Sozialkonflikt unmittelbar bevorsteht.

Davon abgesehen gibt es zig andere Brennpunkte, von denen weniger geredet wird, in denen die Arbeitsbedingungen allerdings nicht minder schlecht sind. Der Druck auf die Schaffenden, die nur noch Pflichten, aber kaum noch Rechte haben, hat in den letzten Monaten permanent zugenommen.

Die Beschwerden in den Sprechstunden der Gewerkschaften reichen von nicht gewährten Urlaubstagen, vorenthaltenen Zuschüssen und unzumutbaren Deregulierungen der Arbeitsorganisation, über aufgezwungene Verstöße gegen Arbeitsrecht und Sicherheitsbestimmungen, bis hin zu Mehrarbeit für weniger Lohn und verspätet oder gar nicht ausgezahlten Löhnen.

Das ist die bittere Realität, mit denen die Schaffenden derzeit zunehmend konfrontiert werden. Noch werden viele dieser Unannehmlichkeiten aufgrund der katastrophalen Situation auf dem Arbeitsmarkt in Kauf genommen; doch wie lange noch? Besinnen sich die Lohnabhängigen und ihre Gewerkschaften nicht schnell dazu, dass das Patronat nicht der »liebe Sozialpartner« ist, sondern ein Klassengegner, der nur Interesse an einer Profitmaximierung hat, dann ist die Gefahr groß, dass die dunklen Wolken über den Arbeitsplätzen, den Löhnen und der Kaufkraft der Schaffenden schnell die Stärke eines Hurrikans erreichen werden. Deshalb: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Sonnabend 27. Juni 2009