Unser Leitartikel:
Stahlindustrie: Wie lange noch…

Mehr als 15.600 Arbeitsuchende und fast 11.000 Kurzarbeiter – Tendenz langfristig steigend. Noch sind es in erster Linie Grenzgänger und in Luxemburg lebende ausländische Mitbürger, die am schlimmsten von den Folgen der katastrophalen Situation auf dem Arbeitsmarkt betroffen sind, doch mehren sich die Anzeichen dafür, dass der große Knall, ausgelöst durch die kapitalistische Finanz- und Wirtschaftskrise, noch bevorstehen wird. Andeutungen dazu waren im letzten Bericht der Zentralbank zu lesen und aus der Rede von Premier Juncker zum Nationalfeiertag zu hören.

Der Aufruf Junckers, zusammenzuhalten – er bat um größere nationale Solidarität –, da die Politik allein die Krise nicht meistern könne, erinnert an alte Zeiten. In ihrer Form ähnelt er den Durchhalteparolen, die in den Jahren der Stahlkrise zu hören waren, als den Schaffenden jeder Abbau von Arbeitskräften und Produktionsanlagen als notwendige »Rettungsaktion« präsentiert wurde.

Wie und in welcher Form die damalige ARBED, die immerhin bis zu 30.000 Arbeiter und Angestellte beschäftigte, letztendlich durch die zahlreichen »Notoperationen« gerettet wurde, ist bekannt. Das Resultat ist erschreckend. Denn trotz aller nationalen Opfer und milliardenschwerer öffentlichen Finanzspritzen, befindet sich die einstige luxemburgische Stahlindustrie, oder was nach der Demontage von ihr übrig blieb, heute im Besitz einer indischen Milliardärsfamilie, die nicht an Luxemburg, sondern einzig und allein an den Renditen interessiert ist.

Weshalb eigentlich die jetzige Situation mit den Jahren der Stahlkrise vergleichen? Nun, weil sich der Gros der Stahlarbeiter heute, ähnlich wie damals, große Sorgen um ihre Zukunft macht. Was in Anbetracht der seit Monaten um die Hälfte reduzierten Produktion und der zahlreichen Feierschichten, die den Arbeitern in den Stahl- und Walzwerken aufgebrummt werden, verständlich ist. Die Maßnahmen gehen nämlich – heute wie damals – voll zu Lasten der Schaffenden.

Noch kann der massive Produktionsrückgang zum Teil durch Restbestände an Urlaubs- und Ruhetagen überbrückt werden. Doch wie lange noch? Wie viel »überschüssiges« Personal kann die »Cellule de reclassement« (CDR) noch aufnehmen? Wie lange wird der Staat es sich noch erlauben können, dem Konzern mit Finanzspritzen beizustehen? Wann wird die Konjunktur wieder anziehen? Alles Fragen, auf die die Betroffenen keine Antworten bekommen.

Sorgen bereitet den Schaffenden allerdings nicht allein die konjunkturelle Situation auf dem Stahlmarkt. Auch in struktureller Hinsicht gibt es reichlich Anlass, sich um die Zukunft der Standorte berechtigte Sorgen zu machen. Schließlich baute Mittal sein Imperium in den letzten Jahren einzig und allein dank eines wachsenden Schuldenbergs aus. Diese beliefen sich Ende des letzten Jahres auf 26 Milliarden Euro. Für die Bankiers kein Problem, … wenn die Produktion auf Hochtouren läuft und die Schuldenlast durch Teile des erschaffenen Mehrwerts abgebaut werden kann. Was derzeit allerdings nicht der Fall ist. Wie lange wird es also noch dauern, bis die Banken ihr Geld, ohne Rücksicht auf Verluste, einfordern werden?

Wird vielleicht schon an den nächsten »Rettungsaktionen« gebastelt? Wie groß werden die Opfer sein, die man den Schaffenden diesmal abzuverlangen gedenkt? Wie hoch wird der Preis der »Rettungsspritzen« sein, der bei künftigen Operationen vom Staat getragen werden soll? Wie groß ist die (Un)sicherheit, dass der Standort Luxemburg weitere Amputationen überhaupt überleben wird? Fragen, auf die es im Interesse der Schaffenden und des Landes schnellstens klare Antworten geben muss.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Donnerstag 25. Juni 2009