Nein zu Flexicurity

Wozu dienen eigentlich die vielen Lobbyisten in Brüssel und Straßburg, die im Interesse des Patronats die Arbeitswelt an Hand von Direktiven oder über Umwege mit der angeblichen Wunderpille, die sie »Flexicurity« nennen, unbedingt »beglücken« wollen? Denn Flexibilität am Arbeitsplatz muss nicht erst erfunden werden. Seit vielen Jahren schon ist sie bittere Realität. Und zwar in ausreichendem Maße. In gewissen Sektoren mehr, in anderen weniger. Wobei die zahlreichen Unannehmlichkeiten stets voll zu Lasten der Schaffenden gehen.

Ob nun im Reinigungssektor, im Transportwesen im Handel, in Dienstleistungsbetrieben oder im Industriesektor – um nur diese zu nennen – wissen die Beschäftigten nur allzu gut, was Flexibilität heißt. Denn dort gehören unregelmäßiger Schichtbeginn, in letzter Minute abgeänderte Arbeitspläne, mehrfach während Stunden unterbrochene Tagesschichten oder häufiger Schichtwechsel seit längerer Zeit fast schon genau so zur »normalen« Arbeitsorganisation, wie der von oben herab aufgezwungene Verzicht auf Ruhepausen und Ruhetage. Trotz der massiv zunehmenden Arbeitslosigkeit geht es in vielen Betrieben auch nach wie vor nicht ohne Überstunden. Eine Mehrarbeit, die immer häufiger zur »Normalität« gehört. Genau so »normal« ist dabei allerdings auch, dass immer weniger diese zunehmenden Unannehmlichkeiten durch finanzielle Zuschüsse »versüßt« bekommen. Ganz zu schweigen davon, dass die aufgezwungene flexible Arbeitsorganisation vielfach gegen das Arbeitsrecht verstößt.

Woran sich das Patronat allerdings nicht im Geringsten stört. Zumal die aufgrund der katastrophalen Situation auf dem Arbeitsmarkt zunehmend resignierten Lohnabhängigen sich kaum dagegen wehren. Schließlich wirken die langen Warteschlagen vor den Arbeitsämtern und die sich häufenden Hiobsbotschaften aus den Betrieben wie ein Damoklesschwert über den Beschäftigten.

Sicherlich eine der Ursachen, weshalb die in den letzten Jahren bereits massiv gesteigerte Flexibilität den eingangs erwähnten Lobbyisten immer noch nicht weit genug geht. Deren Ziel ist es, kurzfristig innerhalb der EU das Normalarbeitsverhältnis aus Profitgier immer mehr durch Leiharbeit und Zeitverträgen, also durch prekäre und zeitlich befristete Arbeit zu ersetzen. Deshalb sollen künftig die Arbeitsverträge verstärkt der Auftragslage angepasst und der Kündigungsschutz gelockert werden. Tages- und Wochenarbeitszeit sollen gesetzlich verlängert und das Rentenalter heraufgesetzt werden.

In den Denkfabriken des Kapitals wird jedenfalls seit Jahren im Sinne einer noch rascheren Profitmaximierung an den Pisten dieser vom Patronat geforderten neuen Arbeitsorganisation unentwegt gebastelt.
Noch ist die »Wunderpille«, an deren Entstehen aufgrund des zunehmenden Widerstands der Gewerkschaften seit einiger Zeit unauffälliger, doch kaum mit weniger entschlosseneren Schritten gearbeitet wird, nicht in allen »Apotheken« erhältlich. Dennoch zeigen steigenden Arbeitslosenzahlen, die massiv zunehmende Kurzarbeit sowie das gewollt oder aufgezwungene deutliche Zurückfahren der Produktion – sowohl in unseren Schmelzen (derzeit minus 40%) wie auch in anderen Industriezweigen – schon jetzt in aller Deutlichkeit, welch katastrophale Folgen die Verordnung besagter »Wunderpille den Schaffenden im Endeffekt bereiten wird.

Deshalb gehört Flexicurity nicht umgesetzt, sondern auf direktem Wege in den Mülleimer. Und zwar noch bevor die Finanz-, Wirtschafts- und Systemkrise als Ursache dazu dienen könnte, sie den Schaffenden per Gesetz zu verordnen.

g.s.

Gilbert Simonelli : Samstag 20. Juni 2009