Vor 70 Jahren: Der Streik gegen die Nazis (2)

Aus der Sicht der deutschen Okkupanten gab es gute Gründe, zu diesem Zeitpunkt gegen die Kommunisten loszuschlagen. Die Nazis hatten erfahren, dass die KPL Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen geknüpft hatte und wollten diese Initiative im Keim erstik-ken, um mögliche Widerstands- und Sabotageaktionen im Hinblick auf die geplante Einführung der Wehrpflicht im besetzten Luxemburg zu verhindern. Doch dazu war es zu diesem Zeitpunkt bereits zu spät, obwohl es den Besatzern mit einer Razzia gegen die illegale KPL gelang, die kommunistische Resistenz für längere Zeit weitgehend auszuschalten.

Als dann der Chef der nazistischen Zivilverwaltung, Gauleiter Simon, am Abend des 30. August 1942 auf einer Massenkundgebung in den Hallen auf dem Limpertsberg die Zwangsrekrutierung aller jungen Männer der Jahrgänge 1920-1924 verkündete, kam es wenige Stunden später, am Montag, dem 31. August 1942, gegen 7.00 Uhr, zu einer ersten Arbeitsniederlegung in der Lederfabrik »Ideal« in Wiltz.

Kurze Zeit später legten auch die Arbeiter der zwei Wiltzer Brauereien, die Angestellten der Gemeindeverwaltung, der Lebensmittelverwaltung, des Arbeitsamtes, der Krankenkasse und der Post die Arbeit nieder, die Lehrerinnen und Lehrer blieben mit den Schulkindern vor den Schulgebäuden stehen, viele Geschäfte blieben geschlossen, und es kam zu einem Protestmarsch durch Wiltz. Während der nachfolgenden Stunden wurden Arbeitsniederlegungen aus der Tuch- und der Tabakfabrik in Ettelbrück, aus Diekirch, Echternach und Mondorf gemeldet, und die Bauern in Kehlen weigerten sich, Milch abzuliefern.

Als am Nachmittag im Schifflinger Hüttenwerk ein Streikkomitee gebildet und 2.000 Stahlarbeiter die Arbeit niederlegten erteilte das Reichssicherheitshauptamt in Berlin den Befehl, den Ausnahmezustand zu verhängen und ein Standgericht einzusetzen.

Am Morgen des 1. September 1942 griff der Streik auf weitere Betriebe und Verwaltungen über, auf ARBED-Terres Rouges in Esch/Alzette legten 240 Beschäftigte die Arbeit nieder, 57 verließen das Hüttenwerk, auf Belval verweigerten 44 15- bis 18-jährige Lehrlinge der Zentralwerkstatt den Hitlergruß zum Frühsport, ebenso ihre Alterskollegen in den Escher Lyzeen, auf Grube »Walert« in Rümelingen nahm nur ein Drittel der Belegschaft die Arbeit auf, in Junglinster protestierten 50 Sägerei-Arbeiter gegen die Einführung der Wehrpflicht, und in der Zentralpost in der Hauptstadt blieben die Postsäcke ungeöffnet.

Am 2. September 1942, als der Terror der Nazis bereits voll eingesetzt hatte, die Streikaktionen in den meisten Betrieben infolge der brutalen Repression inzwischen beendet waren und die ersten blutroten Plakate allenthalben im Land verkündeten, das Standgericht habe den Leiter des Wirtschaftsamtes Wiltz, Michel Worré, und den Wiltzer Stadtsekretär Nikolas Muller »wegen Gefährdung des deutschen Aufbauwerkes in Luxemburg durch aufrührerischen Streik im Kriege« zum Tode verurteilt, kam es auch im Differdinger Hüttenwerk zu einer Streikaktion.

156 Arbeiter des Blechwalzwerks erschienen nicht zur Frühschicht, in der Zentralwerkstatt ruhte die Arbeit während mehrerer Stunden. Um 15.00 Uhr, als die meisten Streikenden die Arbeit wieder aufgenommen hatten, wurden drei Arbeiter, um 22.00 Uhr ein vierter verhaftet. Sie wurden noch in der Nacht vom Standgericht zum Tode verurteilt und am 3. September 1942 um 4.30 Uhr in Hinzert standrechtlich erschossen. Unter ihnen Ernest Toussaint, Angehöriger der kommunistischen Widerstandsgruppe in Differdingen. Im Falle des »Klassenkämpfers« Toussaint sei dessen »politische Einstellung von ausschlaggebender Bedeutung« für die Verurteilung gewesen, gestand Fritz Hartmann vor Gericht nach der Niederlage der Nazis.

A.R.

(Fortsetzung folgt)

Ali Ruckert : Mittwoch 29. August 2012