Aphorismen (LXXIII)

»Karikaturen«

Wieder einmal Ratzinger! – Wenn Papst Ratzinger durch einen Vatikan-Sprecher verbreiten lässt, er sei damals GEZWUNGEN worden, in Hitlers Armee einzutreten, so scheint das zu implizieren, die anderen wären alle Freiwillige gewesen. Natürlich waren unter Hitler ALLE gezwungen, Soldaten und damit Angreifer zu werden. Eben auch Herr Ratzinger, der alles andere als ein Widerstandskämpfer war.

– »Ora et labora« – »Bete und arbeite«, hieß und heißt es in der katholischen Kirche. Eine modernere Version dieses Spruchs: »Bete nach was man dir sagt, mach’ was man dir sagt, schau’ nicht auf das schnöde Geld, aber strenge dich an, auch wenn du davon krank werden solltest. Dann stellst du deinen Arbeitgeber beziehungsweise Ausbeuter zufrieden.«

– Man braucht nur die Gespräche der Mehrzahl der Frauen zu hören, wenn sie »unter sich« sind, um zu sehen, was die Männer in jahr-hundertelanger »Arbeit« aus ihnen gemacht haben.

– »Wie wäre der adäquate Name für die Statue eines oder einer Heiligen, die in einer Prozession mit großem Pomp und Aufwand durch eine Stadt getragen wird?« – »Götzenbild« – »Eben!«

– Kaiser Julian nannte die Christen Atheisten, weil sie nur an EINEN Gott glaubten. Heute ist für viele Atheisten der Atheismus zu einer Art Dogma geworden, das sie mit Klauen und Zähnen verteidigen wie Gläubige ihren Gott.

– Wenn so ein fetter, von Selbstzufriedenheit triefender Luxemburger EU-Abgeord-neter spricht, glaubt er, aus dem Bauch der Wahrheit zu sprechen, und entlarvt ungewollt die ganze Hypokrisie der Hilfe für Ostländer oder »Entwicklungsländer«, wo es doch zuerst darum geht, neue kapitalistische Absatzmärkte zu erobern.

– Die Geistlichen wollten nicht mehr die Totengräber des Diesseits sein. Das war nicht mehr zeitgemäß, und so haben sie ihre schwarzen Kutten abgelegt (In ihrer Wetterfahnen-Mentalität, mit der sie sich ja bestens auskennen).

– Manche sind durch ihr vergangenes Leben so traumatisiert und geschockt, dass sie nicht davon loskommen und dauernd daran herumtüfteln: »Wie konnte das geschehen? Wie hätte das vermieden werden können? Bin ich mit schuld daran? Oder bin ich alleine schuld! So dass sie mehr in ihrer unglücklichen Vergangenheit leben als in der Gegenwart, – ja, dass sie keine richtige Gegenwart haben, sie jedenfalls nicht erleben und genießen können.

– Man hat den Zorn einen kurzen Wahnsinn genannt (Horaz). Aber es gibt Leute, die sich ohne regelmäßige Zornausbrüche nicht wohl fühlen. So streifen sie hart am Wahnsinn entlang und tyrannisieren andere, ohne dass man sie einsperren kann.

– Zwischen großer Dummheit und Verrücktheit scheint oft nur eine kleine Scheidewand zu bestehen. Deshalb sagt man zu dem, der eine große Dummheit von sich gegeben hat: »Hast du noch alle Tassen im Schrank? Bist du verrückt?« (Und dies ist dann mehr als eine bloße Metapher.)

– Herzkranke reden nicht gerne viel. Es müsste mehr herzkranke Politiker geben.

– Die Pfaffen kennen Gottes Willen und reden über Gott, als wären sie mit ihm in telefonischer Verbindung.

– Wer viel weiß, wird tolerant, weil er die Schwächen der Menschen kennt. Er darf nur nicht zu »wissend«, zu tolerant werden, sonst lässt er vor lauter Wissen alles geschehen, anstatt auch verändernd einzugreifen.

– Die Pfaffen sind schreck-lich besorgt um das »Seelenheil« der Menschen. Aber dagegen ist ihnen das »Körperheil« so gleichgültig als wäre der Körper so unsichtbar wie das Phantom »Seele«. Die Menschen konnten immer in Kriegen ver-recken (auch in Religionskriegen), da die »Seele« davon unangetastet blieb.

– Man braucht nur jemanden richtig schnarchen zu hören, um zu merken, welches rohe Tier im Menschen schläft. – Die schlimmsten Fallen sind die, welche man sich selbst stellt; denn sie kann man – paradoxerweise – nicht sehen.

– Vor der Wand. – Nicht wenige sind in ihrem Lebenslauf mit dem Kopf vor einer Wand angelangt, wo es kein vorwärts mehr gibt, aber auch kein rückwärts. Es ist eine enge Einbahnstrasse ohne Wendemöglichkeit. Kurz: ein Büro.

– Im höheren Alter kann ein Krankheitsgefühl auftreten, das nicht verschwindet. Und dann merkt man, dass es sich nicht um eine Krankheit handelt, sondern dass die »Krankheit« das Alter selbst ist. – Was viele bei alten Leuten als Traurigkeit oder Melancholie verstehen, ist oft nur permanentes Unwohlsein.

– Manche Tiere verhalten sich mit mehr Anstand und Würde als viele Menschen.

– Einigen tyrannischen Egoisten fehlt nur die nötige Rücksicht auf andere, um endlich zu sterben.

– Das höchste Glück: –nicht an Glück denken zu müssen.

– Aphoristiker sind oft Spaßverderber und müssen auf Fußtritte gefasst sein. Obwohl sie gewöhnlich nur solchen Leuten den Spaß verderben, die anderen viel mehr verderben als nur »Spaß«.

– Wenn eine Rede mit dem Wort »Hass-Tirade« bedacht wird, scheint sie für viele schon widerlegt. Wo Hass doch ein sehr berechtigtes Gefühl sein kann.

– Zu dem Glauben an EINEN Gott ist es nicht durch Erkenntnis oder »Offenbarung« gekommen. Der EINE Gott, der zuerst der Gott eines Volkes, eines größeren Stammes war (der Juden, und in ihrem Gefolge der umliegenden Gruppen, später Christen –, oder der Anhänger Mohammeds), setzte sich gegen andere Götter und Stämme durch. So dass es heute eigentlich immer noch mehrere »Ein«-Götter gibt (im Christentum und Hinduismus sogar eine Art »Drillings-Gott«).

– Jede Theorie vereinfacht und verfälscht die Realität, da sie von zahllosen Einzelfällen abstrahieren muss. Jede Theorie ist falsch, die nicht mit genauen Maßen aufwarten kann. Wäre sie ganz wahr, müsste sie die Realität so ausführlich beschreiben können wie ein realistischer Roman es tut.

– Die abstoßendsten, widerlichsten Karikaturen stammen ausgerechnet vom Maler der »Mona Lisa« und der »Anna Selbdritt«. Noch mehr entsetzt ist man über diese Gesichter, wenn man hört, dass sie im Wesentlichen gar keine Karikaturen sind. Eben: es ist nicht nötig, die Menschen unangenehmer darzustellen als sie sind. Karikatur oder nicht Karikatur?

– Menetekel. – Auf Haiti besteht die Hauptmahlzeit von Hunderttausenden aus hart gewordenem Schlamm (»Kekse« genannt). In Europa essen Hunde und Katzen Fleisch.

– Es gibt Menschen, die sich nie im Leben gewehrt haben – weder gegen Feinde, falsche Freunde oder gegen »Arbeitgeber«. Als wären sie wie getretene Würmer ohne Hirn und ohne Arme und Beine geboren. – Wer sich nicht wehrt,

Der lebt verkehrt.

Er freut sich an dem kleinen Brocken,

Mit dem die Herren ihn abzocken.

Er sieht es klar: »Die Welt ist schlecht«,

Doch tut er nichts für besseres Recht.

Joseph Welter

Mittwoch 10. Juni 2009