Alltag in einem umkämpften Land

Bewaffnete Assad-Gegner terrorisieren die Menschen, ohne politische Forderungen zu stellen

 »Heute Nacht hat meine Familie wieder im Flur verbracht, ich wollte im Bett bleiben, aber meine Frau machte das so nervös, daß ich mich schließlich auf eine Matte auf den Boden gelegt habe.« Der Familienvater, der das erzählt, möchte seinen Namen nicht nennen. Er wohnt in einer Satellitenstadt knapp 20 km von Damaskus entfernt, die immer häufiger von Gewalt und Kämpfen erschüttert wird.

In der Nacht zuvor griffen rund 100 Bewaffnete der »Freien Syrischen Armee« drei militärische Kontrollpunkte an, die um den Ort herum für Sicherheit sorgen sollen. »Obwohl die Kämpfe wohl 1 km von uns entfernt waren, konnten wir verschiedene Waffen hören, bis hin zu Granatwerfern« , erzählt der Mann weiter. »An einem Kontrollpunkt haben sie alle Soldaten getötet, die Kämpfe dauerten bis in die frühen Morgenstunden« .

Kein Auge habe er zugemacht. Seine Frau habe mit dem Sohn die ganze Nacht über die Kämpfe auf Facebook verfolgt. Anhänger der Aufständischen und der regulären Armee hätten fast zeitgleich beschrieben, was gerade wo geschah. »Sie müssen irgendwo in den Wohnungen sitzen, von wo sie direkten Kontakt mit den Kämpfern haben« , überlegt er. Die Facebookseiten seien miteinander vernetzt, jede der Satellitenstädte um Damaskus habe mittlerweile ein solches »Informationsportal« .

Er erwarte, daß die Armee in den nächsten Tagen eine massive Operation in der Umgebung seines Heimatortes durchführen werde. »Sie werden hart zuschlagen gegen die Aufständischen und wieder werden Häuser zerstört und Zivilisten getötet werden. Aber die Aufständischen werden nicht aufhören.« Materiell unterstützt mit Geld und Waffen aus dem Ausland, medial unterstützt durch sympathisierende Berichterstattung großer Medien und moralisch unterstützt von politischen Erklärungen aus Washington fühlen sie sich ermuntert, den bewaffneten Kampf fortzuführen. »Sie haben Zettel in den Ortschaften um Damaskus verteilt, auf denen sie Angriffe auf die Kontrollpunkte und Armee in den nächsten 72 Stunden angekündigt haben« , erzählt der Mann weiter. Politische Forderungen ? Nein, die habe man von denen noch nie gehört.

Angriffe, Entführungen und Morde an Personen, die bei der Armee oder in staatlichen Einrichtungen arbeiten, gehören seit Monaten zum Alltag in Syrien. Vor wenigen Tagen wurden Wehrdienstpflichtige aus Bussen geschleppt, die von der »Freien Syrischen Armee« seit Monaten auf der Autobahn zwischen Hama und Aleppo angehalten und durchsucht werden. Die maskierten Kämpfer lassen sich von den Reisenden ihre Ausweise zeigen. Da Soldaten einen Armeeausweis bei sich tragen, sind sie leicht zu identifizieren und werden von den Aufständischen mitgenommen. Die Anfang Juli entführten Soldaten hatten einige Tage frei, die sie bei ihren Familien verbringen wollten. Dort kamen sie nie an, stattdessen wurden ihre Leichen gefunden.

 »Mein Sohn ist in Aleppo bei der Familie geblieben« , erzählt ein kurdischer Arbeiter, der in Damaskus arbeitet. Alle aus der Familie hätten sich für einige Tage zur Hochzeit der Tochter getroffen. Aus Angst von der »Freien Syrischen Armee« entführt und getötet zu werden, sei sein Sohn nicht zu seiner Einheit in Damaskus zurückgekehrt.

Derweil sucht der neu ernannte Staatsminister für Versöhnung in Syrien, Ali Haidar, das direkte Gespräch mit Stammesführern, religiösen Scheichs und politischen sowie bewaffneten Oppositionellen, um die Lage zu beruhigen. Seit Tagen reist Haidar, der selber viele Jahre im Gefängnis verbracht hat, durch die Region Homs. In jedem Ort sucht er das Gespräch mit unterschiedlichen Akteuren, die gegen den Staat kämpfen. Ziel der Regierung ist, Ort für Ort mit den Aufständischen und Gegnern des »Systems Assad« eine Vereinbarung zu finden, um die Kämpfe zu stoppen.

Das soll nach dem Vorschlag des von der UNO und der Arabischen Liga beauftragten Vermittlers Kofi Annan durch die politische Gruppe in der UNO-Beobachtermission (UNSMIS) weiter unterstützt werden, sollte der UNO-Sicherheitsrat deren Mandat am 18. Juli verlängern. Hartnäckig appelliert er an »alle Seiten« , die Gewalt und Waffenlieferungen zu stoppen. Vom »Syrischen Nationalrat« und der »Freien Syrischen Armee« weht ihm nur Ablehnung und Häme entgegen.

Karin Leukefeld, Damaskus

mardi 17 juillet 2012