Unser Leitartikel:
Milliardengrab A400M

Nachdem sie die milliardenschweren Folgen ihrer Verspätungskatastrophen mit dem zivilen »Superjumbo« A380 erfolgreich auf die Beschäftigten abgewälzt hatte, mußte die »European Aeronautic Defence and Space Company« nun auch für die Militärversion A400M erhebliche neue Verzögerungen melden. Die erste Auslieferung erfolge frühestens drei Jahre nach dem Erstflug, der noch gar nicht stattgefunden hat, teilte der europäische Luftfahrt- und Rüstungskonzern mit. Die Komplexität des A400M mit seinen riesigen Propellertriebwerken sei unterschätzt worden, mußte EADS-Chef Louis Gallois am Dienstag einräumen. So sei das von der EU-Rüstungsagentur festlegte Eigengewicht beträchtlich über- und die Nutzlast unterschritten worden.

Nun wird Frankreich, das der im Mai 2003 mit EADS geschlossenen Vereinbarung zufolge zuerst beliefert werden soll, den ersten Militärtransporter frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2012 in Empfang nehmen können – und nicht im April 2010, wie noch vor wenigen Wochen versichert wurde. Obwohl das Luxemburger Militär in der Waffengattung Luftstreitkräfte bisher über äußerst wenig Erfahrung verfügt, bestellte die Regierung in jenem Mai 2003 eine eigene A400M zur Verlegung von Truppen und schwerem Gerät – wie etwa die zwischenzeitlich ebenfalls bestellten 48 gepanzerten Fahrzeuge. Bisher hatte EADS Luxemburg versprochen, der Militärflieger werde im März 2018 ausgeliefert. Doch angesichts der nun eingestandenen Probleme könnte es durchaus 2020 werden, bis das Großherzogtum über einen eigenen Truppentransporter verfügt.

Jedenfalls kommen auf Airbus nun weitere hohe finanzielle Belastungen zu, die dem Konzern zufolge bisher nicht zu bemessen sind. Experten schätzen die Kosten für die drei- bis vierjährige Verzögerung des Militärtransporters auf bis zu sechs Milliarden Euro. Die EADS-Tochter, die bisher nur eine verspätete Erstauslieferung von sechs bis zwölf Monaten angekündigt hatte, nahm wegen dieser Verzögerungen bereits Rückstellungen von zwei Milliarden Euro vor.

Parallel dazu wurde seit Monaten versucht, mit den Kunden über eine Lieferverschiebung und einen Erlaß der vertraglich festgelegten Entschädigungszahlungen zu verhandeln. Größter Kunde ist Deutschland mit 60 Maschinen, gefolgt von Frankreich (50), Spanien (27) und Großbritannien (25). Die (noch) nicht der EU, aber seit 1952 der NATO angehörende Türkei hat zehn Militärtransporter in Auftrag gegeben, Belgien sieben und Luxemburg einen. Die Abgeordnetenkammer durfte die Bestellung des Kriegsgeräts übrigens erst im Februar 2005, also fast zwei Jahre nach der Vertragsunterzeichnung, absegnen.

Französischen Medienberichten zufolge will Gallois die sieben NATO-Staaten dazu bewegen, nicht nur auf Regreßforderungen zu verzichten, sondern sich auch an den Mehrkosten zu beteiligen. Dies, obwohl 2003 ein Festpreis von rund 20 Milliarden Euro für die insgesamt 180 Maschinen ausgehandelt wurde.

Doch wozu braucht Luxemburg überhaupt einen »strategischen Transporter«, der erklärtermaßen in Brüssel stationiert und von der belgischen Luftwaffe gewartet werden soll? Sicherlich nicht, um »ons Heemecht« zu verteidigen. Und beim Transport von Hilfsgütern mag die Fähigkeit, auf unbefestigten Graspisten landen zu können, ja gelegentlich nützlich sein, doch extreme Tiefflugeigenschaften sind auch hier nicht erforderlich. Allein der Anschaffungspreis von (derzeit) 133 Millionen Euro würde z.B. ausreichen, zwei Jahre lang alle Aufwendungen des Staates für die Krankenhausinfrastruktur zu bestreiten. Dank der neuerlichen Verzögerung besteht nun die vertraglich vereinbarte Möglichkeit, aus dem A400M-Programm auszusteigen. Diese Chance sollte genutzt werden.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Donnerstag 15. Januar 2009