Unser Leitartikel:
Militärische Endlösungen

Ein deutscher Soldat, der im August vergangenen Jahres in Afghanistan zwei zivile Personenautos mit mindestens 15 Schüssen durchsiebte, wird nicht dafür belangt, daß er dabei eine Frau und zwei Kinder umgebracht und vier weitere Personen verletzt hat. Das meldeten gestern Agenturen. Ob der Oberfeldwebel der Bundeswehr vielleicht sogar ein heißer Anwärter auf die neue deutsche Tapferkeitsmedaille ist, wissen wir nicht, es würde uns aber nicht wundern, wenn er für den Mord demnächst einen Orden angehängt bekommt. Tapferkeit vor dem Feind gilt ja bekanntlich als eine der wichtigsten Tugenden eines deutschen Mannes…
Feinde gibt es viele am Hindukusch, und deutsche Männer (und Frauen) wurden schließlich nicht dorthin geschickt, um mit den Einheimischen Murmeln zu spielen. Wer auch immer dort in Afghanistan angetroffen wird, ganz gleich ob Mann, Frau oder Kind, ist potentiell ein Gegner, ein Attentäter, ein Angreifer. Deshalb gilt auch für die deutschen Besatzungssoldaten in Afghanistan die alte Wildwest-Regel: »Erst schießen, dann fragen!«

Daß man sich mit derartigen Verhaltensweisen keine Freunde schafft, macht nichts, das ist ja nicht die Aufgabe. Der Kampfauftrag ist eindeutig: Das Land muß befriedet werden, koste es, was es wolle. Und befriedet ist es erst, wenn der letzte Aufständische ausgeschaltet, eliminiert, umgebracht wurde. Das ist die bittere Wahrheit, der auch wir in Luxemburg ins Auge schauen müssen. Eines Tages kann es ein Luxemburger sein, der die tödlichen Schüsse auf Zivilisten abgibt, oder es kann auch ein Luxemburger sein, der im Zinksarg nach Hause geschickt wird. Damit muß man rechnen. Soldaten sind Mörder, schrieb einst Tucholsky, aber sie sind auch stets Todeskandidaten.

Es ist eine Lüge, daß Soldaten nach Afghanistan geschickt wurden, um dort den »Wiederaufbau« zu organisieren. Um Schulen und Krankenhäuser zu bauen, braucht man keine Männer mit Panzern. Um ein Land wie Afghanistan sicherer für seine Menschen zu machen, braucht man nicht noch mehr, sondern deutlich weniger Soldaten. Wer mehr Soldaten schickt, will lediglich noch mehr Krieg führen.

Der neue Hoffnungsträger der »freien Welt«, USA-Präsident Barack Obama, hatte im Wahlkampf angekündigt, für mehr Frieden in der Welt zu sorgen. Nun sorgt er nicht nur für mehr US-Soldaten in Afghanistan, sondern schickt einen General als Kommandoführer, der sich bisher einen Namen als »Killer« gemacht hat. Was wird von einem solchen Kommandeur zu erwarten sein? Nichts anderes als eine noch härtere Kriegführung, noch mehr Angriffe auf Zivilisten, noch mehr Raketenangriffe auf Dörfer im benachbarten Pakistan. Dort ist die Regierung jeden Tag dabei, sich bleibende Verdienste zu erwerben, indem sie ihre Truppen losschickt, um möglichst viele Leute umzubringen, die möglicherweise Taliban sein könnten. Daß ganz nebenbei Hunderttausende Menschen in die Flucht getrieben werden, Männer, Frauen und ganz besonders Kinder schutzlos Hunger und Krankheiten ausgeliefert werden, wird als »Kollateralschaden« verbucht.

Wohin das alles führt, haben wir gerade in Sri Lanka gesehen. Dort haben sich die Regierungstruppen in einem gnadenlosen Krieg gegen die Tamilen zum Sieger erklärt, nachdem sie mit Panzern und Artillerie alles zusammengeschossen hatten, was sich noch bewegte. So sehen militärische Endlösungen aus!

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Mittwoch 20. Mai 2009