Ein Rock-Urgestein wird 65

Er ist ein Urgestein der in den 60er Jahren gründenden Rockmusik, seine Reibeisen-Stimme hat ihm den Beinamen »Sheffield Steel« eingebracht und ein Beatles-Cover nachhaltigen Erfolg: Joe Cocker, oft auch als bester weißer Blues- und Soulsänger gelobt, wird am 20. Mai 65 Jahre alt.

Ohne ein klein wenig Hilfe seiner Freunde hätte er die mehr als 40 Jahre im Rockzirkus nicht durchgehalten: Seine Karriere ist von Höhen und Tiefen geprägt. Mega-Erfolgen wie seinem legendären Auftritt in Woodstock 1969 und seiner genialen Cover-Version des Beatles-Hits »With A Little Help From My Friends« folgten Abstürze, oft begleitet von exzessivem Alkoholkonsum. Erst 2002 hatte er das Gefühl, die Alkoholkrankheit besiegt zu haben: Sein damals veröffentlichtes Album hieß deswegen »Respect Yourself«. Mehr wollte er dazu nicht sagen. Geboren 1944 in Sheffield hatte Cockers Stimme früh diesen Soul, der so intensiv nach Reibeisen und Schmerz klang. Und er war der geborene Anti-Performer: Seine ungelenken und unrhythmischen Zuckungen auf der Bühne waren bis zu dem legendären Beatles-Cover und dem nicht minder legendären Auftritt 1969 in Woodstock seiner Karriere zunächst eher hinderlich.

Nach Woodstock wurde der alles andere als geschäftstüchtige Musiker bis zum physischen Zusammenbruch durch die Konzertsäle geschleift: Seine Tournee »Mad Dogs And Englishman« brachte es auf 65 Auftritte in 57 Tagen in 48 US-Städten. Die chaotische Tour wurde gefilmt und brachte den Produzenten volle Kassen, Cocker blieben ganze 862 Dollar übrig. Ein Jahr lang erholte er sich von der Eskapaden-Tortur. 1971 ließ er sich dann in Sheffield auf einem Konzert von »Mad-Dogs«-Veteranin Rita Coolidge auf der Bühne blicken – in Erinnerung blieb vor allem, daß er völlig zugedröhnt war. 1974 endete ein Konzert in Hollywood nach drei Liedern, als Cocker in Fötus-Haltung auf der Bühne lag. Das hatte Symbolcharakter für den Rest der Dekade: Cocker schutzlos am Boden.

Das Comeback kam erst 1982: »Sheffield Steel« wurde von der Kritik gefeiert, und das Duett »Up Where We Belong« mit Jennifer Warnes wies die Richtung. 1983 gab es einen Oscar für den Song. Drei Jahre später wurde seine Version von Randy Newmans »You Can Leave Your Hat On« im Erotik-Streifen »9 ½ Wochen« zum Hit.

Bei seinem vor zwei Jahren erschienen Album »Hymn To My Soul« empfand Cocker es bereits als Problem, die richtigen Lieder zu finden. »Wenn man in seinen 60ern ist, paßt so was in der Art wie ‘I Love You Baby’ nicht mehr so richtig. Ich habe also nach etwas mehr Tiefe gesucht«, sagte er damals. Das Lied »Hymn 4 My Soul« von Andy Fairweather-Low habe seinen Wunsch auch an seine Fans in einer Zeile auf den Punkt gebracht: »Stay with me as I grow old«. Und John Fogertys »Long As I Can See The Light«: »Man kann da soviel hineinlegen. Es ist wie das Licht am Ende des Tunnels.« Und natürlich wird in dieser Hymne der »traveling bone« besungen, jene Unruhe, die ihn noch immer mit seiner Musik um die Welt treibt.

Wie lange Cocker noch weiter Musik macht – er war schon vor zwei Jahren vorsichtig mit einer Prognose. Vielleicht werde er mal nicht mehr in der Lage sein, das legendäre »With A Little Help From My Friends« jede Nacht zu singen. »Verstehst du, was ich meine? Diese Intensität zu bringen.« Das letzte Album seines großen Vorbilds Ray Charles, die »Duets«, habe ihn sehr nachdenklich gemacht. »Als ich hörte, wie zerbrechlich er klang, wo er doch sonst so stark gewesen war, da fragte ich mich: ‘Ist das der beste Weg?’ Ich meine, niemand erwartet, daß man in seinen 60ern noch Rock’n’Roll macht, oder? Ich weiß nicht, was ich mit 75 machen werde.« (AP)

Mittwoch 20. Mai 2009