Frisch gestrichen

Stauffenberg – »Die wahre Geschichte«

Mehr als 3,3 Millionen Zuschauer waren am Dienstagabend im virtuellen Klassenzimmer versammelt, als der Oberlehrer der deutschen Nation, der sogenannte Historiker Guido Knopp dem staunenden Volk wieder einmal erklärte, was zur deutschen Geschichte gehört und was nicht.

Herr Knopp ist äußerst beunruhigt, denn in diesen Tagen kommt ein Hollywood-Film in die deutschen Kinos, mit dem die kalifornische Traumfabrik in seine Deutungshoheit eingreift, die er sich so hart erkämpft hat. Wo kämen wir auch hin, wenn plötzlich irgendwelche Ami-Schauspieler, noch dazu mit fragwürdigem ideologischem Hintergrund, einfach so in urdeutsche Kinosäle einmarschieren und ihre Sichtweise auf einen der größten Helden der deutschen Geschichte verbreiten… Also hat Knopp mal rasch beim Mainzer CDU-Fernsehen ZDF ein wenig Geld lockergemacht, um noch rechtzeitig vor dem Erscheinen von Tom Cruise in Wehrmachtsuniform »Die wahre Geschichte« unters Volk zu bringen.

Es geht um DEN Helden des deutschen Widerstandes, den Widerstand an sich, den einzigen Widerstand gegen den Bösewicht Hitler, der in deutschen Geschichtsbüchern zugelassen werden darf.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg – ein Name wie aus einem Gedicht des mythisch verwirrten Dichters Stefan George, den Stauffenberg und sein Bruder als den einzig wahren Dichter, als Vorboten einer neuen deutsche Seele betrachteten – und den zu Recht heute kaum noch jemand kennt. Claus Schenk Graf von Stauffenberg – ein Bild von einem Mann, so strahlend männlich, daß ein Bildhauer ihn zum Modell für eine Skulptur eines SA-Mannes auserkoren hatte. Allein, der Graf winkte ab. Mit dem Pöbel wollte sich der stolze Offizier der deutschen Wehrmacht nun doch nicht gemein machen.

Die Verachtung des gemeinen Volkes war dem Sproß einer aristokratischen schwäbischen Familie mit besten Raubrittertraditionen quasi in die Wiege gelegt worden. Die Offizierslaufbahn lag direkt daneben, und Zeitzeugen sagten aus, daß der junge Graf das Zeug hatte zu einem militärischen Führer. Dummerweise hatte ein anderer ihm diese Position weggeschnappt, einer aus dem Pöbel, ohne militärische Ausbildung, der im Krieg zwar anfangs Erfolge erzielte, aber spätestens seit Stalingrad eine Aktion nach der anderen vergeigte.

Welche Motive Claus Schenk Graf von Stauffenberg wirklich hatte, um Hitler per Mordanschlag aus dem Weg zu räumen, ist auch nach der aktuellsten aller Dokumentationen nicht ganz klar. Klar ist nur, daß der Herr Oberst erstmal den Krieg gewinnen wollte, möglichst durch einen Waffenstillstand im Westen (und also Fortführung der Massaker an der Ostfront?), und daß die ach so stolze und ach so unschuldige Wehrmacht die Kontrolle über das Dritte Reich übernehmen sollte.

Frisch gestrichen ist wieder einmal ein wesentlich größerer Teil der Wahrheit. Nämlich der, daß es in Deutschland schon einen breiten Widerstand gegen die Faschisten gab, als Stauffenberg noch freudig in den Krieg gegen Polen und Frankreich zog und als er sich freudig an die Front in Tunesien begab, »weil der Mensch da richtig gefordert wird«.

Falls die Aussage stimmt, daß Stauffenberg entsetzt war über die Morde an den Juden in den okkupierten Ostgebieten, dann muß der Mann blind und taub gewesen sein. Denn die faschistischen Truppen erschossen und erhängten ebenso zu Tausenden gefangene sowjetische Soldaten und Offiziere, mit Vorliebe jedoch Mitglieder der Kommunistischen Partei und des Kommunistischen Jugendverbandes – dazu gab es den sogenannten »Kommissarbefehl« – und sowjetische Partisanen. Stets an diesen Kriegsverbrechen beteiligt war die Wehrmacht, was Stauffenberg nicht wahrhaben wollte und Knopp tunlichst verschweigt.

Vor der Leistung Stauffenbergs muß man Respekt haben. Es gab nur wenige seiner Kaste, die einen solchen Mut aufbrachten. Daß es der deutschen Offiziers-Elite nicht gelang, einen einzelnen Mann zu beseitigen, ist zumindest ein Armutszeugnis für diese Leute.

Wenn aber Guide Knopp, Tom Cruise und viele andere Geschichtsklitterer uns weismachen wollen, die tausende Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten und andere aufrechte Deutsche, die vom ersten bis zum letzten Moment Widerstand gegen die Faschisten leisteten, hätten gar nicht existiert, dann sollten derartige Filme frisch gestrichen werden.

bro

Donnerstag 15. Januar 2009