Unser Leitartikel:
Was heißt hier nachhaltige Entwicklung?

Es ist offensichtlich, dass der Begriff »nachhaltige Entwicklung« ambivalent ist. Je nachdem, ob man den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit oder auf Entwicklung legt, bekommt man unterschiedliche Resultate und unterschiedliche Haltungen.

Für die Kommunisten, deren Denkweise auf dem historischen und dialektischen Materialismus beruht, gibt es nichts Dauerhaftes, nichts Beständiges sondern alles ist in Bewegung, in Veränderung, in Entwicklung. Das gilt sowohl für die Natur, den Weltraum als auch für die menschliche Gesellschaft. Es ist der Kampf der Gegensätze, welcher diese Entwicklungen vorantreibt.

In dieser Hinsicht kann der Ausdruck ökologisches Gleichgewicht sich auch nur auf ein dynamisches, vorübergehendes Gleichgewicht beziehen. In einem solchen, in welchem viele pflanzliche und tierische Spezies nebeneinander leben, gibt es immer wieder Mutationen, von denen einige der einen oder anderen Spezies kompetitive Vorteile bringen können, welche dann im bestehenden System günstiger dastehen und damit Veränderungen im Gleichgewicht hervorbringen.

Mit der Anwendung des Begriffes »nachhaltige Entwicklung« auf den gesellschaftspolitischen Bereich, können die Kommunisten nicht einverstanden sein, wenn es bedeuten würde, dass man dieses kapitalistische System möglichst nachhaltig erhalten müsste. Die heutige Krise zeigt ja gerade, dass der Kapitalismus als Gesellschaftsform überholt ist, da er nicht mehr im Stande ist, den Entwicklungsstand der Produktivkräfte der Menschheit zu beherrschen. Dies umso mehr, als die Haupttriebfeder des Systems das kurzfristige Gewinnstreben ist.

Daneben beruht die allgemeine wirtschaftliche Theorie über die Bemessung der wirtschaftlichen Aktivität auf einer falschen Grundlage. In dem sogenannten Bruttoinlandsprodukt BIP wird nur positiv gerechnet. Große Naturkatastrophen, wie kürzlich das Erdbeben in Italien, und große Umweltschäden erhöhen das Bruttoinlandsprodukt, da die Ausgaben, welche für die Behebung der Schäden ausgegeben werden, als BIP-Wachstum angeführt werden.

Wie kann man mit einem solchen System die Nachhaltigkeit oder Umweltverträglichkeit von menschlichen Aktivitäten messen oder abschätzen?

Im Rahmen des kapitalistischen Systems kann die Menschheit die Probleme, welche sich ihr stellen – die Behebung der Unterentwicklung, die Beseitigung des Hungers in der Welt, der Schutz des Klimas, die Erhaltung der Umwelt – nicht lösen.

Dieses System beruht auf dem unbegrenzten Wachstum des privaten Eigentums durch die Aneignung des produzierten Mehrwerts durch die Kapitaleigner. Auf einer begrenzten Erde aber, wo die Wertschöpfung ebenfalls begrenzt ist, muss es auch eine Begrenzung des privaten Reichtums und seines Zuwachses geben, nötigenfalls durch Enteignung. Damit würde allerdings die heiligste aller heiligen Kühe, nämlich der Privatbesitz an Produktionsmitteln fallen und mit ihm das kapitalistische System.

Die Kommunisten sind die einzigen, welche die Umweltfrage in diesen gesellschaftspolitischen Kontext stellen.

Was die starke Nachhaltigkeit anbelangt, so setzt sie die Erde und die Natur in den Mittelpunkt, deren Ressourcen unbedingt zu erhalten sind. Doch es gibt schon keine »natürliche« Natur mehr. Überall, außer in der Tiefsee, haben die Menschen sie schon umgewandelt, und das seit frühen Zeiten. So ist gewusst, dass durch den Beginn der Landwirtschaft vor 5.000 Jahren die Erdmitteltemperatur um 0,5 Grad zurückging, da landwirtschaftliche Flächen die Sonnenstrahlen stärker reflektieren als Grün- oder Waldflächen.

Starke Nachhaltigkeit ist in unseren Augen, auch in einer anderen Gesellschaftsform, eher eine Illusion.

Aloyse Bisdorff

Freitag 8. Mai 2009