Unser Leitartikel:
Drohgebärden statt Gespräche

In diesen Tagen kann man wieder einmal den Eindruck haben, als sei die nordkoreanische Hauptstadt der Nabel der Welt. Alle verfügbaren Pjöngjang-Astrologen werden darauf angesetzt, mögliche Anzeichen für irgendwelche Entwicklungen zu erkennen und zu deuten, die dann von übereifrigen Medienleuten interpretiert, angereichert und verbreitet werden. Die allermeisten dieser Weiterverbreiter haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind glühende Antikommunisten und sie haben keine Ahnung von Korea. Einen der Höhepunkte des sachlich-kritischen Journalismus bildete eine gestern gesendete Nachricht der Agentur AP, laut der »ein Nachfolger für den kränkelnden Staatschef Kim Il Sung« gesucht werde. Dem (wahrscheinlich südkoreanischen) Autor scheint entgangen zu sein, daß Staatsgründer Kim Il Sung bereits im Juli 1994 das Zeitliche gesegnet hat…

In ihrer Verblendung sehen alle diese Medienleute in der KDVR die Wurzel allen Übels. Die Meldung, daß vor einigen Tagen höchstwahrscheinlich in Nordkorea eine Atombombe getestet wurde, stammt in erster Linie aus südkoreanischen Quellen. Allerdings ist für jeden südkoreanischen Journalisten der Norden der seit 1945 geteilten Halbinsel fast so unerreichbar wie der Mond. Wesentlich näher wären die USA oder Rußland, die einerseits mit ihren militärischen Spionagesatelliten exakt feststellen können, was da wirklich passiert ist, und die andererseits den Schlüssel zur Lösung des Problems in der Hand haben.

Zugegeben, die Situation auf der koreanischen Halbinsel ist unübersichtlich, und die politischen Regime im Norden wie im Süden sind unberechenbar. An der Grenze zwischen beiden Staaten herrscht eine Dauerspannung, und die kleinste Provokation könnte eine Katastrophe auslösen. Niemand hat wirklich Einblick in die militärischen Pläne der Generale auf beiden Seiten der Grenze. Da aber der Norden aller Wahrscheinlichkeit nach bisher noch nicht über eine einsatzfähige Atombombe und schon gar nicht über geeignete Trägermittel verfügt, im Süden aber US-amerikanische Atomwaffen stationiert sind, wäre es unredlich, im Norden die Hauptkriegsgefahr zu orten, nur weil man ihm das Etikett »kommunistisch« aufklebt.

Die Führung der KDVR, die nicht einmal selbst von sich behauptet, kommunistisch zu sein – und es auch niemals war –, hat lediglich erklärt, sich nicht mehr an alle Bestimmungen des Waffenstillstandes von 1953 gebunden zu fühlen. Zuvor war Südkorea der »Proliferation Security Initiative« (PSI) beigetreten, die 2003 vom US-Kriegspräsidenten Bush ins Leben gerufen worden war und zum Ziel hat, vor allem Nordkorea und den Iran davon abzuhalten, sich die Waffen zu beschaffen, die Ländern wie Israel, Pakistan oder Indien gestattet werden.

Mitgliedsländer der PSI können zum Zweck der »Verhinderung einer Weiterverbreitung« Schiffe und andere Transportmittel dritter Staaten anhalten und durchsuchen. Dagegen verwahrt sich Nordkorea und droht seinerseits mit militärischen Gegenmaßnahmen.

Der Schlüssel zur Lösung des Problems liegt allerdings beim Grundübel, nämlich der Existenz von Unmengen von Kernwaffen. Würde man deren Herstellung und Besitz für alle Staaten der Welt verbieten, sähe die Lage anders aus. Außerdem sollten die USA und der Westen die KDVR endlich als Gesprächspartner anerkennen, statt sie stets als drittklassigen Staat zu behandeln und als »Hort des Bösen« zu behandeln.

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Freitag 29. Mai 2009