Grenzenloser Widerstand gegen Atomkraft

Uralt-Reaktoren im belgischen Tihange sollen endlich abgeschaltet werden

Knapp 60 Kilometer hinter der luxemburgischen Grenze befindet sich das belgische Atomkraftwerk Tihange. Der älteste der Uralt-Reaktoren sollte eigentlich schon vor fünf Jahren abgeschaltet werden, doch bis heute betreibt der belgische Stromkonzern Electrabel in Tihange drei Blöcke von Druckwasserreaktoren mit einer Bruttoleistung von jeweils 1.000 Megawatt. Ans Netz gingen die drei Reaktorblöcke 1975, 1982 und 1985. Nun rufen AKW-Gegner aus der gesamten Großregion für Samstag, den 17. September zu einem »Tag des Widerstands gegen Atomkraft in Belgien, Luxemburg, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland« auf.

An diesem Tag wird nicht nur in Tihange, sondern auch vor den französischen Atomzentralen in Cattenom und Fessenheim, dem geplanten französischen »Endlager« für Atommüll in Bure sowie vor der einzigen deutschen Urananreicherungsanlage im nordrhein-westfälischen Gronau demonstriert. Für die Großregion sei es »das erste Mal seit 1982, daß wir zu einer großen, gemeinsamen Demonstration gegen Atomkraft aufrufen«, schreiben die Organisatoren in einer Pressemitteilung vom Freitag.

Wer unter dem Motto »Strahlung kennt keine Grenzen – Widerstand auch nicht!« in Tihange unweit von Lüttich manifestieren will, soll am 17. September um 14 Uhr nach Huy kommen, von wo sich die Demonstranten auf den Weg zur Atomzentrale machen. Für die Abschlußkundgebung werden »Reden in drei Sprachen, phantasievolle Aktionen und Musik« versprochen.

Im Demoaufruf wird einerseits die »sofortige« Abschaltung des ältesten Reaktorblocks in Tihange sowie der beiden Blöcke der zweiten in Betrieb befindlichen belgischen Atomzentrale in Doel bei Antwerpen gefordert, andererseits heißt es, die Reaktoren Tihange I und Doel I und II müßten »zumindest so schnell wie im Gesetz von 2003 festgeschrieben« vom Netz. Dies würde allerdings bedeuten, daß die drei Uralt-Meiler noch bis 2015 laufen würden. Alle anderen Atomreaktoren in der Großregion sollen dem Aufruf zufolge »so schnell wie technisch möglich« abgeschaltet werden.

Zum bislang schwersten Störfall kam es in Tihange am 22. November 2002, als die Gefahr einer Kernschmelze bestand. Ein im Rahmen eines Tests am heruntergefahrenen Reaktorblock II irrtümlich geöffnetes Sicherheitsventil führte zu einem plötzlichen Druckabfall im Primärkreislauf, der wiederum dazu führte, daß das Kühlwasser verdampfte. Glücklicherweise leiteten Sicherheitssysteme sofort zusätzliches Wasser in den Reaktor, das die durch die sogenannte Nachzerfallswärme erhitzten Brennelemente weiter kühlte. Das irrtümlich geöffnete Ventil wurde wegen Kommunikationsproblemen erst nach drei Minuten wieder geschlossen.

Fukushima-Katastrophe im medialen Abseits

Gegner der Atomkraftnutzung hatten zuletzt beklagt, daß über die anhaltende Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima kaum noch berichtet wird, obwohl immer mehr Radioaktivität aus der Atomruine austritt. Auch fünfeinhalb Monate nach dem GAU haben weder der private Betreiberkonzern Tepco noch die japanische Regierung die Lage im Griff.

Vor wenigen Tagen meldete die japanische Zeitung »Mainichi Shimbun«, die Regierung wolle einen Teil des Gebiets um das havarierte AKW Fukushima dauerhaft zur Sperrzone erklären. Nach derzeitigem Plan sollen die drei Reaktoren, deren Kerne aufgeschmolzen sind, im Januar nächsten Jahres endlich unter Kontrolle sein.

oe

Oliver Wagner : Montag 29. August 2011