Aphorismen (LXXII)

»Guten Tag, Herr Ratzinger!«

– Beispiel einer unfreiwilligen Sebstkarikatur: Herr Ratzinger (Papst) lässt 500(!) Oster-eier in das italienische Erdbebengebiet einfliegen und betet auch für die Opfer.

– Die Menschen sind die einzigen Lebewesen, deren größte Feinde die eigenen Artgenossen sind.

– Freundlichkeit übernimmt im Zusammenleben der Menschen die Rolle von Stoßdämpfern.

– Ehrlichkeit. – Dass alte Menschen oft unfreundlich, ja manchmal barsch reagieren – auch in Diskussionen –, liegt daran, dass sie sich sagen: »Im Alter nicht ehrlich, dann nie mehr ehrlich.« Da Ehrlichkeit oft das Gegenteil von oberflächlichem Meinungs- Ausgleich ist.

– Wahrscheinlich hat die Natur so viele, unzählige Blüten an ihrem Baum, dass sie alles, was der Mensch je geschaffen hat, einmal wegwerfen kann, als wären es eben – nur Blüten.

– Wenn es Rabeneltern gibt, dann gibt es auch Rabenkinder. – Was es vielen schwierig macht, logisch zu denken, ist das viel bequemere, sprunghafte Denken in Assoziationen und Analogien (anstatt in nahtlos zusammenhängenden Folgerungen).

– Die besten Gangster-Jäger sind im Idealfall selber Gangster.

– Erinnerungen an Dinge, die wir vor längerer Zeit falsch gemacht haben (darunter falsche Reaktionen), liegen wie Steine in uns, die nicht nachträglich aufzulösen sind. Denn ab und zu spüren wir sie unverdaut im Magen liegen.

– Wer an einer chronischen Krankheit leidet, sollte diese vor anderen verbergen so gut es geht. Denn die meisten fühlen sich durch die Krankheit anderer gestört, als stehe ihre Bequemlichkeit und ihr Verhalten vor einer Herausforderung, der sie sich nicht stellen wollen (»Was, der ist krank, und ich soll jetzt vielleicht Rücksicht auf ihn nehmen? Unverschämt!«)

– Alte Menschen können ihrem Verstand solange trauen wie sie sehen, dass junge Leute mindestens soviel Unsinn von sich geben wie sie selbst.

– Der Philosoph Aristoteles (384 – 322 vor unserer Zeitrechnung), Lehrer Alexanders des Großen) hielt Piraterie für ein legitimes Mittel, sich sein Leben zu verdienen. Was heute ein Bush, ein Blair, eine Zipi Livni weit von sich weisen würden, während sie selber Ähnliches oder viel Schlimmeres betreiben und gutheißen, mit weit viel mehr Menschenopfern als bei jeder Piraterie.

– Die Allmacht, die man einem persönlichen Gott zugeschrieben hat, besitzt nur die Natur. Deshalb berührt es sie auch nicht im geringsten, wenn die Menschen die Erde kaputtmachen: sie kann ja Planeten, Sonnen, Weltalle ohne Ende hervorbringen.

– Es ist logischer, an viele Götter zu glauben als an einen Gott: die Götter, Halbgötter, Naturgeister als Personifizierungen der Kräfte, die für den Menschen wichtig sind, aber nicht wirklich zu verstehen. Auch von Wissenschaftlern nicht.

– Regierungspolitiker versuchen immer, Protest-Demonstrationen zu verharmlosen: »Die meisten Menschen haben nicht demonstriert.« Aber bis eine Demonstration entsteht, müssen viel mehr Menschen dahinter stehen als schließlich auf die Straße gehen.

– Gemütlichkeit ist eine Zier,/ Doch weiter kommt man ohne ihr (frei nach W. Busch).

– Hundebesitzer sollten ab und zu daran denken, dass der Hund vom Wolf abstammt. Und dass die vom Menschen am Hund so geschätzten Eigenschaften wie Treue, Anhänglichkeit, Gehorsam erst vom Menschen selbst entwickelte Tugenden sind. So dass sie eine Entartung und Dekadenz der Selbständigkeit und Kraft des Wolfes bedeuten.

– Die christliche Religion – und nicht nur sie – zieht die meisten Menschen an nicht durch ihr Wesen, sondern durch ihre Erscheinungsformen: Zeremonien, Bräuche, Liturgie, Architektur, Kunst, Musik. Wie ein fleischloses Gerippe, das mit Kleidern behangen und pompös ausgestattet wird: »L’habit fait de moine« und »L’habit fait l’Eglise«. – Es gibt Menschen, die Mut genug haben, anderen die größten Beleidigungen an den Kopf zu werfen, aber nicht Mut genug, um deren Meinung offen zu widersprechen.

– Die Zeit bringt alles um, außer sich selbst.

– Viele werden nur deshalb so egoistisch, weil sie keine Freunde haben. Mit wem sollen sie teilen? (Und dann »teilen« sie immer mehr mit sich selbst).

– »Ich verstehe die Welt nicht mehr«. – »Dann hast du sie also vorher verstanden?«

– Titel wie »Hochwürden«, Seine Excellenz«, »Seine Hoheit«, usw. drücken die Kleinheit von Leuten aus, die solche Namen brauchen, um etwas zu gelten.

– Die Zeit ist ein Damm, der kontinuierlich bricht und immer neue Realitäten heranschwemmt, welche die vorherigen in den Abgrund reißen. Wenn der Feind im eigenen Kopf sitzt, ist er schwer zu bekämpfen. Umso schwerer, als man nicht weiß, dass er unser Urteil dauernd verfärbt und verfälscht.

– Wenn in einer Ehe die Fremden immer mehr Recht behalten als die Ehepartner, wird es für einen von diesen höchste Zeit, die Koffer zu packen.

– Wie die Jungen pfeifen, so zwitschern die Alten (nicht immer, aber immer häufiger).

– Albtraum. – Man ist einen gefährlichen Angreifer losgeworden, und plötzlich sitzt er grinsend mitten in unserem Zimmer, gemütlich seine Pfeife rauchend.

– Wenn man Voltaires Satz an die katholische Kirche (geschrieben vor der Französischen Revolution) liest: »Vous avez profité des temps d’ignorance, de superstition, de démence pour nous dépouiller de nos héritages et pour nous fouler à vos pieds, pour vous engraisser de la substance des malheureux: tremblez que le jour de la raison n’arrive« (»Dictionnaire philosophique«); so scheint dieser »Tag der Vernunft« in vielen Bereichen noch nicht gekommen zu sein, – wenn man nur den heutigen Papst sieht.

Joseph Welter

Dienstag 21. April 2009