In der Stahlindustrie wird weiter auf Sparflamme gefahren

»Standorte in Luxemburg nicht gefährdet«, hieß es gestern im Titel eines Berichtes im Escher Tageblatt über ein Treffen der Gewerkschaften mit Vertretern der Konzerndirektion von ArcelorMittal.
Ob es die Schaffenden allerdings auch so sehen? Wohl kaum. Denn schon vor Monaten, als der Restrukturierungsplan Lux2011 veröffentlicht wurde, hatte es in der gleichen Zeitung geheißen »Standorte abgesichert, Jobgarantie für alle« – übrigens eine komische Art und Weise, den im Strategiepapier enthaltenen Abbau von nahezu 650 Arbeitsstellen zu verkünden, die 400 Posten, die in der Administration vernichtet wurden, nicht mit einbegriffen.

Dass feierliche Ankündigungen eine Sache, die Praxis in den Betrieben jedoch eine völlig andere ist, erfuhren die Schaffenden nicht später als letzte Woche, als der Stahlkonzern die Versetzung von 310 Arbeitern in die »cellule de reclassement« verkündete, so dass der CDR in den kommenden Wochen mehr als 500 Beschäftigte angehören dürften. Eine Zahl, die weiter steigen könnte, wenn die Konjunktur in den nächsten Monaten nicht anziehen sollte. Was übrigens zu befürchten ist.

Wie, wo und womit werden die in der CDR eingeschriebenen Mitarbeiter in den nächsten Wochen und Monaten beschäftigt? Mit Weiterbildung und/oder Wartungsarbeiten? Oder werden sie intern an andere Betriebe oder extern an andere Firmen ausgeliehen? Oder stehen in einigen Monaten, sollte weiter auf Sparflamme gefahren werden, wie in den Jahren der Stahlkrise sogar wieder Notstandsarbeiten an? Genaue Antworten darauf wollte oder konnte der Konzern uns nicht geben.

Die Strategie des Stahlgiganten besteht derzeit darin, nur mehr nach Bedarf Elektroöfen und Walzwerke in Betrieb zu halten. Überbrückt werden die häufigen und abwechselnden Stillstände seit Ende des letzten Jahres mit Feierschichten. Was allerdings für die betroffenen Arbeiter nur so lange erträglich ist, wie ihre Reserve an Urlaubs- und Ruhetagen ausreicht. Wer nicht mehr genügend freie Tage hatte (oder hat), wurde (oder wird) in die vom Staat mitfinanzierte »cellule de reclassement« transferiert.

Falsch wäre allerdings zu meinen, den Betroffenen würde es nichts ausmachen, in die CDR versetzt zu werden. Genau das Gegenteil ist der Fall, wie uns ein Arbeiter der neuen Mitteleisenstraße auf Belval (TMB) in einem Gespräch verriet: »Es ist nur schwer erträglich nicht zu wissen, wo man nächste Woche eingesetzt wird, mit welchen Arbeiten man betraut wird. Nur schwer zu verkraften ist auch, dass man nicht weiß, wie lange die Produktion gedrosselt bleibt. Hinzu kommt das ungute Gefühl, dass man bei einem weiteren Abbau – siehe Gandrange, Florange oder Lüttich – zu den ersten gehören wird, deren Arbeitsstelle definitiv vernichtet wird.«

Besonders schlecht wird es in den nächsten Monaten um den Standort Belval stehen. Das Stahlwerk wird nur zu 25 Prozent ausgelastet sein, die neue Mitteleisenstraße nur zu 50%. Etwas besser sind die Prognosen für Straße 2 (Spundwand), hofft man doch für die ältere der beiden Walzstraßen auf Belval eine Auslastung von 60 bis 70%. Das benötigte Vormaterial wird infolge des europaweiten Optimierungsprogramms aus Spanien angeliefert. Eine Entscheidung, die infolge der Transportkosten vielen Belvaler angeblich recht »spanisch« vorkommt.

Schlecht bestellt ist es jedoch nicht allein um die Stahl­industrie. Auch bei Goodyear und Dupont – um nur diese beiden große Betriebe zu nennen – drehen die Maschinen auf Sparflamme. In beiden Firmen wird kurzgearbeitet, wobei beim Reifenhersteller in Colmar-Berg schon seit Wochen ein Großteil der Produktion völlig ruht. Bei Dupont ist die Stimmung unter den Schaffenden alles andere als gut, soll doch Ende Juni die Produktionslinie 3 stillgelegt werden.

Alles deutet demnach nach wie vor darauf hin, dass das eigentliche Ausmaß der Krise erst nach den Wahlen publik gemacht werden dürfte. Ohne Rücksicht auf Verluste.

g.s.

Gilbert Simonelli : Samstag 18. April 2009