Dritter Sozialalmanach auf den Markt gebracht:

Fest im System verwurzelte Caritas

Wer sich das Austeilen von milden Gaben zum Beruf gemacht hat, kann sich gesellschaftliche Verhältnisse nicht wünschen, die solch eine Caritas überflüssig machen. Es kann also nur um Behübschung und ständiges Pflasterkleben gehen, keinesfalls aber um Veränderung.

Wenn sich das katholische Lager Luxemburgs darin prinzipiell einig ist, so gibt es doch Unterschiede im Detail. So findet etwa die Caritas in den 109 Forderungen des Unternehmerverbandes UEL durchaus Positives, während am Vortag LCGB-Präsident und CSV-Südkandidat Weber erklärt hatte, da sei nur Sozialabbau drin. Daß ausgerechnet die Caritas Forderung 107 positiv hervorhebt, gibt allerdings Weber Recht, denn die will »jedem die Möglichkeit geben, solange zu arbeiten wie er will«, was ganz bedrohlich klingt, wenn es von der UEL kommt ...

Teufelswerk Frühpension

In diesen Krisenzeiten mit der steigenden Arbeitslosigkeit, der absolut fehlenden Perspektive für ältere Lohnabhängige auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz und sogar der Tatsache, daß nach der »Reform« der Invaliditätsrente 2008 nur mehr exakt eine solche zugesprochen wurde, dafür aber Tausende in der sogenannten »externen Reklassierung« am Arbeitsamt herumgeschubst und bestenfalls noch in einer Beschäftigungsinitiative untergebracht werden, kritisiert die Caritas die Frühpensionierung, die immerhin »die UEL als zum Inventar der Maßnahmen zur Beschäftigung gehörig deklariert« (Sozialalmanach, S. 63). Dies »wegen ihrer negativen Auswirkungen auf die Rentenversicherungen und ihrer pauschalen Inhaftnahme älterer Arbeitnehmer«, weswegen die Caritas »andere Modelle der globalen Arbeitszeitverkürzung (Freistellung zwecks Weiterbildung, Sabbatjahre, allmählicher Übergang in die Rente...)« vorzieht.

Da älteren Arbeitslosen diese Alternativen überhaupt nicht zur Verfügung stehen, erlaubten wir uns die Frage, ob sich die Caritas dabei eigentlich wohl fühlt. Robert Urbé bestätigte, daß ja: es habe noch niemand den Beweis erbracht, daß Frühpensionierungen von Älteren zur Einstellung von Jüngeren führen und damit deren Arbeitslosigkeit verhindern. Frühpension schaffe jedoch Arbeitslosigkeit der Älteren, wobei die Caritas ausdrücklich nicht gegen die Invaliditätspension sei, »wenn jemand mit 56 Jahren verschlissen ist«. Doch ein Betrieb, »der 20 Leute zu viel hat, sollte nicht 20 über 56 in Pension schicken«, das sei »keine Lösung«.

Wir leben in harten Zeiten, wenn schon die Caritas so eiskalt argumentiert: geht es diesen Leuten in der Frühpension denn nicht erheblich besser als in der Arbeitslosigkeit ohne Aussicht wieder eingestellt zu werden? Und ist es ein derart großer Nachtteil, wenn einem seine Arbeitskraft nicht mehr zum Profit eines Patrons oder Aktionärs ausgebeutet wird, und dafür die Pension am Konto landet? Unter den konkreten Bedingungen müßte doch aus reiner Nächstenliebe zur Frühpension geradezu gratuliert werden, auch wenn damit die Arbeitslosenstatistik zu Lasten der Pensionskassen geschönt wird.

Es mag sein, daß das in einem Land etwas schwierig ist, in dem die Caritas zwar einen Wertewandel feststellt, aber auch einen extrem hohen Wert der Arbeit, wörtlich laut Urbé »eine fast protestantische Wertemoral«, wobei er die damit zusammenhängende Eigenverantwortung (»wer arbeitslos wird ist selbst Schuld«) aber als falsch zurückweist und feststellt: »Arbeitslosigkeit ist gesellschaftlich erzeugt«.

Immerhin stellt die Caritas fest, daß immer mehr Menschen in Luxemburg Selbstverwirklichung und Lebensqualität anstreben, wobei das als »postmaterialistische Werte« bezeichnet wird. Wie dem auch sei: Frühpension paßt da sehr gut dazu, wie auch zu Folgendem:

Hohe Qualität sozial absichern

Schön ist immerhin, daß Erny Gillen im pfarramtlichen Tonfall einleitend festgehalten hatte, es sollte eine hohe Qualität bestehen bleiben im Lande bei Arbeit und Sozialsicherungssystemen: »Das ist ein Vorteil und kein Nachteil bei der Kompetitivität«. Wir hoffen, die UEL vermag das zu begreifen!

Ansonsten sieht Gillen soziale Sicherung zunächst aufgebaut auf Familiensysteme (»das erste Netz, in das ich zurückfalle«, doch, verdammt, warum dürfen dann Pfarrer nicht heiraten?), Arbeit (»das wichtigste Standbein riskiert schneller als erwartet zusammenzubrechen«) und staatliche Systeme. Er ruft nicht nur zu »fair trade« mit dem Süden auf, sondern auch innerhalb des Nordens: statt der Billigfluglinie sei die Qualität der heimischen Luxair vorzuziehen. Wie schön, wenn man sich’s leisten kann – doch was tut da der Kurzarbeiter und der Arbeitslose außer verzweifelt dreinblicken!

Vielleicht sollte er sich erbauen an folgendem Satz des Mannes, der eben als Autor im rechtsradikalen österreichischen Blatt »Aula« enttarnt wurde: »Es kann also nur die Torheit dazu verführen, ein vergoldetes Haus zu bauen, wenn ringsum Wüste oder Verfall herrscht.« Das beschreibt ziemlich genau das jahrhundertelange Tun der katholischen Kirche, und wir dürfen dem Schreiber, der aktuell unter dem Künstlernamen Benedikt XVI auftritt, für diese freudsche Fehlleistung in seiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages am 1.1.2009 recht dankbar sein – und Erny Gillen fürs Abdrucken am hinteren Klappentext des diesjährigen Sozialalmanachs, der im Buchhandel 19,50 € kostet.

jmj

Freitag 17. April 2009