Unser Leitartikel:
Obamas Schießbefehl

Nun hat also auch der neue USA-Präsident Blut an den Händen. Angesichts des Kapitäns eines US-Frachters, der von der Presse zum großherzigen Seebären hochstilisiert worden war, erteilte der Präsident persönlich den Schießbefehl. Und die Medien haben etwas zu feiern. Drei Piraten wurden mit nur drei Schüssen erledigt, der Helden-Kapitän ist frei und wird demnächst Ehrenbürger seines Heimatdorfes.

Aber hätte der wackere Präsident in seinem emsigen Streben nach Verbesserung der Welt nicht erstmal das Kleingedruckte lesen sollen? Gab es niemanden in seiner Umgebung, der es ihm hätte vorlesen können? Sollte man sich nicht immer auch nach »Risiken und Nebenwirkungen« erkundigen? Oder sind die etwa bewußt einkalkuliert?

Es ist damit zu rechnen, daß die Situation nun eskalieren muß, das meinen selbst Experten aus der Umgebung des Weißen Hauses in Washington. Bisher sind nämlich die Angriffe der Piraten normalerweise ohne Schießereien abgelaufen. Die Männer sind zwar zum Teil bis an die Zähne bewaffnet, da sich aber die Reedereien an internationales Recht halten und ihre Schiffsbesatzungen nicht bewaffnen, bleiben die Überfälle und Geiselnahmen ohne Blutvergießen. Bis jetzt.

Nachdem am Wochenende drei ihrer Männer durch Scharfschützen der US-Marine getötet wurden, dürfte bei den Piraten finstere Rache angesagt sein. Und deren Opfer werden ganz gewiß nicht die Scharfschützen mit dem antrainierten finalen Todesschuß. Die See in der Gegend des Golfs von Aden wird rauer werden.

Vor der Küste Somalias hat es fast immer Piraterie gegeben. Allein seit 2003 wurden jährlich mal 21, mal 44 Überfälle auf westliche Schiffe gezählt. Erst 2008 kam es zu einem sprunghaften Anstieg auf 111 Angriffe. Aber da kreuzten bereits Kriegsschiffe mehrerer Länder in der Gegend. Womit zumindest ein weiterer Beweis dafür erbracht wurde, daß der Einsatz von Militär keine Lösung des Problems bewirkt. Weil das Militär nicht gegen Not und Elend kämpft.

Auch ein militärisches Eingreifen der USA und der NATO in Somalia würde das Problem nicht lösen. Daß es aber von Generälen in Erwägung gezogen wird, zeigt klar und deutlich, worin die Absicht besteht. Denn die Errichtung von NATO-Basen an den Küsten Somalias wäre ein neuer Schritt bei der Umsetzung des »neuen« NATO-Konzepts, das auch die Kontrolle der Transportwege von Waren und Rohstoffen in aller Welt vorsieht.

Und wie geht es dann weiter? Werden weitere solcher Zwischenfälle provoziert? Vielleicht vor Indien und Bangladesh, wo im letzten Jahr immerhin 22 Piratenangriffe registriert wurden? Oder will man auf die 28 Überfälle im unübersichtlichen Seegebiet Indonesiens reagieren? Möglicherweise käme noch die Somalia gegenüberliegende Küste Afrikas in Frage, denn vor dem erdölreichen Nigeria passierten im vergangenen Jahr etwa 40 Piratenangriffe.

Das Rezept ist ganz einfach, und es wurde schon im Wilden Westen der USA erfolgreich erprobt und wird gegenwärtig auch in Afghanistan angewendet: Mehr Soldaten stationieren, mehr Waffen und Nachschub transportieren, mehr Patrouillen auf den Weg schicken, die Bewegungsfreiheit der Indianer – pardon: der Einwohner – noch mehr einschränken und ein paar von ihnen umbringen. All das ergibt einen prima Vorwand, sich deren gesamtes Territorium unter den Nagel zu reißen. Sollte Obamas Schießbefehl der Anfang dieser Entwicklung gewesen sein?

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Mittwoch 15. April 2009