»Seit zehn Monaten leben wir von Arbeitslosenhilfe«

Langwieriger Arbeitskampf bei Honeywell in den USA: 228 Beschäftigte wurden ausgesperrt

John Paul Smith arbeitet bei Honeywell im US-amerikanischen Metropolis und ist Pressesprecher der dortigen United Steelworkers (Vereinte Stahlarbeiter). Das Interview führte Mirko Knoche für die Tageszeitung »junge Welt«.

Seit dem 28. Juni 2010 sind 228 Honeywell-Arbeiter in Metropolis im USA-Bundesstaat Illinois ausgesperrt. Wie kam es zur Aussperrung?
Das Honeywell-Werk ist die einzige Fabrik in den USA und nur eine von fünf weltweit, die Uranhexafluorid aus Uranerz herstellt. Das ist der erste Schritt in der Produktion nuklearer Brennstoffe. Im Juni 2010 verhandelten wir mit der Firmenleitung über einen neuen Tarifvertrag. Die Laufzeit des alten Vertrags betrug drei Jahre. Wir konnten aber kein Ergebnis erzielen, so daß der Vertrag am 22. Juni 2010 auslief. Danach können die Arbeiter streiken oder tariflos weiterarbeiten. Außerdem darf das Unternehmen nach Ende der Friedenspflicht seine Beschäftigten aussperren. Das tat die Geschäftsführung am 28. Juni 2010 schließlich auch.

Was war die Vorgeschichte?

Die Geschäftsführung hatte den Arbeitskampf von langer Hand vorbereitet. Im Januar 2010 beauftragte sie ein Beratungsunternehmen mit einer PR-Kampagne. Damit sollten die Beschäftigten überzeugt werden, daß ihre Bezahlung zu gut und ihre Kranken- und Rentenversicherung zu teuer sei. Nach unseren Erkenntnissen bereitet die Firmenleitung die Aussperrung bereits seit fünf Jahren vor. Wir hatten zuvor selbst keinen Streik ausgerufen, um diese Maßnahme nicht zu provozieren. Mittlerweile kommen Gewerkschaft und Geschäftsführung ein- bis zweimal im Monat zu zwei- bis dreitägigen, sehr zähen Tarifverhandlungen zusammen. Es gibt dabei Fortschritte, aber die sind sehr gering.

Seit über zehn Monaten leben unsere Mitglieder jetzt von Arbeitslosenhilfe. Das drückt schwer aufs Portemonnaie, denn die staatliche Leistung ist ein Festbetrag und macht nur zwischen einem Viertel und der Hälfte des Tariflohns aus. Mit Streikgeld stellen die United Steelworkers (USW) sicher, daß niemand sein Haus verliert.
Schon einen Monat vor dem Auslaufen des Tarifvertrags hatte Honeywell fremde Arbeitskräfte ins Werk geholt. Welche Leute sind das? Kann man sie als Streikbrecher bezeichnen?

Es handelt sich definitiv um Streikbrecher! Sie stammen vorwiegend aus den Südstaaten und haben keine Ahnung davon, warum es sinnvoll ist, Mitglied einer Gewerkschaft zu sein oder in einer gewerkschaftlich organisierten Belegschaft zu arbeiten. Es berührt ihre Moralvorstellungen nicht, als Streikbrecher im Einsatz zu sein.
Gibt es fast 150 Jahre nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg immer noch so große Unterschiede zwischen den industriellen Nord- und den agrarischen Südstaaten?

Es gibt sie auf juristischer Ebene. In Neuengland, im Nordwesten und an der Westküste herrscht völlige Koalitionsfreiheit. Hier handeln nur die Gewerkschaften die Löhne und Arbeitsbedingungen aus. Die gelten ausschließlich für ihre Mitglieder. In den Südstaaten und in der Prärie verhält es sich dagegen anders. Tarifverträge sind dort laut Gesetz allgemeingültig. An Außenseiter werden die gleichen Löhne gezahlt wie an Gewerkschafter. Deshalb ist der Anreiz in den Südstaaten viel geringer, selbst einer Gewerkschaft beizutreten. Im Ergebnis ist das Lohnniveau niedriger als in Bundesstaaten mit hohem gewerkschaftlichen Organisationsgrad.

In Ihrem Nachbarstaat Wisconsin lieferte sich die Arbeiterbewegung eine erbitterte Auseinandersetzung mit dem republikanischen Gouverneur Scott Walker. Vor welchen Herausforderungen stehen die USA-Gewerkschaften im Moment?

In Wisconsin und einigen anderen Staaten soll die Tarifautonomie im öffentlichen Dienst abgeschafft werden. Weil wir aus dem ganzen Land und sogar aus der ganzen Welt – wie wir es gerade in Deutschland, bei unseren deutschen Honeywell-Kollegen in Hamburg-Bergedorf erleben – Solidarität erfahren, fühlen wir uns verpflichtet, die gleiche Solidarität zurückzugeben. Deshalb sind wir im Frühjahr nach Wisconsin gefahren und haben uns an der größten Demonstration der Arbeiterbewegung beteiligt, die ich je erlebt habe – über 200.000 Menschen waren da. Das Gesetz wurde im Parlament von Wisconsin verabschiedet, wird im Moment aber von den Gerichten geprüft. In Staaten mit demokratischen Gouverneuren gibt es solche Konflikte glücklicherweise nicht.

Donnerstag 12. Mai 2011