Situation in der Stahlindustrie immer beunruhigender

Die Ankündigung von ArcelorMittal, die Produktion weiter massiv zurückzufahren, sei keine wirkliche Überraschung gewesen, hieß es vor Tagen aus Gewerkschaftskreisen. Denn schon seit Wochen habe sich eine solche Entscheidung angedeutet.

Nachdem der Stahlkonzern die Produktion bereits Ende des letzten Jahres um rund 30 Prozent reduziert und angekündigt hatte, weltweit 9.000 Arbeitsplätze abzubauen – 400 davon in der Administration in Luxemburg –, meldete ArcelorMittal am Mittwoch, mindestens vier weitere Hochöfen stillzulegen. Und zwar in Lüttich, Gent, Fos-sur-Mer und im benachbarten Florange. Damit wären nur mehr 11 der 25 Hochöfen in Europa in Betrieb.

Neben dem Ausfahren der Öfen werden auch andere Produktionsstätten auf Sparflamme gesetzt. Allerdings sollen die Stilllegungen nur von begrenzter Dauer sein, heißt es von Seiten des Managements. Eine Aussage, die von den Gewerkschaften in Belgien und Frankreich jedoch eher mit Skepsis aufgenommen wurden, da sie den Versprechen der Stahlmanager kaum noch vertrauen wollen. Besonders groß ist die Empörung in Lothringen, wo nach Gandrange nun auch im nur wenige Kilometer entfernten Florange die Ampel auf Rot gestellt wird. Angekündigt wurde, 1.000 Mitarbeiter vorübergehend »freizustellen«. Und dies unterschiedlich für eine Dauer von 5 bis 18 Monate. Dass die Beschäftigten in Florange befürchten, dass es bis zur definitiven Schließung des Standorts allerdings nur mehr ein kleiner Schritt sein könnte, ist nach der dramatischen Entwicklung in Gandrange verständlich.

In Polen kündigte ArcelorMittal am Dienstag bereits die Entlassung von 500 Stahlarbeitern an, während in Rumänien die 12.000 Beschäftigten des Standorts in Galati auf Kurzarbeit gesetzt wurden.

Auch Luxemburg ist bekanntlich vom drastischen Zurückfahren der Produktion betroffen. Dass 400 Stellen in der Administration gestrichen wurden, ist seit Dezember bekannt. Gewusst ist auch, dass über das Restrukturierungsprogramm Lux2011 mittelfristig bis zu 650 Arbeitsplätze in der Produktion vernichtet werden. Angekündigt wurde nun diese Woche, dass 310 Mitarbeiter zusätzlich in die »cellule de reclassement« (CDR) transferiert werden. Womit das in den Jahren der Stahlkrise eigens für die Stahlindustrie geschaffene Kriseninstrument mit zu den größten »Abteilungen« avancieren dürfte. Denn schon seit Ok- tober des letzten Jahres, als die Produktion zurückgefahren und damit begonnen wurde, Stahlwerke und Walzstraßen vorübergehend stillzulegen, wird »überschüssiges« Personal, das die Feierschichten nicht durch Urlaubstage kompensieren kann, in die CDR versetzt.

Die Fragen, die sich viele Betroffene zu Recht stellen, sind, wie viele »Überschüssige« die CDR überhaupt aufnehmen kann, wie, mit welchen Arbeiten und wie lange sie eigentlich in der CDR beschäftigt werden (können)? Was geschieht, wenn die Produktion länger als angenommen nicht anzieht? Denn Fakt ist, dass Wartungsarbeiten, Reinigen, Abräumen, Anstreichen nicht ewig dauern können. Werden auf Dauer Stahlarbeiter wie in den 70er und 80er Jahren wieder mit Notstandsarbeiten von öffentlichem Interesse beschäftigt werden müssen? Alles Fragen, auf die die Betroffenen keine Antworten erhalten. Zumindest nicht bis zu den Parlamentswahlen.

g.s.

Gilbert Simonelli : Samstag 11. April 2009