Unser Leitartikel:
Augen der Kinder

Das Foto auf unserer Seite 1 gehört zu den erschütterndsten, die in der letzten Zeit zu sehen waren. Eine Hilfsorganisation verteilt im Armenviertel Tondo der philippinischen Hauptstadt Manila Suppe an Kinder. Schauen Sie für einen Moment – vielleicht für sechs Sekunden – in die Augen der Jungen. Sehen Sie die Vorfreude des Jungen, der dem Becher und der verheißungsvollen Suppenkelle am nächsten steht? Niemand weiß, wann er zum letzten Mal so etwas Gutes essen durfte – und niemand weiß, wann er wieder dieses Glück haben wird. Sehen Sie den Jungen, der sich nach hinten umdreht, wahrscheinlich um sich zu vergewissern, daß auch seine Geschwister oder seine Freunde noch etwas abbekommen. Und sehen Sie die beiden Jungen rechts auf dem Bild. In ihren Augen liest man die Sorge, daß der Inhalt der Schüssel vielleicht nicht für alle reichen könnte.

Wenn Sie für die Betrachtung des Bildes sechs Sekunden gebraucht haben sollten, dann ist das statistisch genau die Zeit, in der irgendwo auf der Welt wieder ein Kind an Hunger gestorben ist. Ein Kind alle sechs Sekunden, von einer Milliarde Menschen, die laut den neuesten Zahlen der UNO auf dieser Welt Hunger leiden müssen.

Diese Zahl ist ein Skandal, und dieser Skandal hat nichts mit der Krise des Kapitalismus zu tun, außer daß sie ein Teil dieser Krise ist. Die Mitgliedstaaten der UNO hatten in ihren »Millenniumszielen« festgelegt, bis zum Jahr 2015 die Zahl der Hungernden in der Welt zu halbieren. Die Augen der Jungen von Manila und die aktuellen Zahlen, die am Montag am Sitz der UNO in New York verkündet wurden, zeigen, daß wir nicht nur weit davon weg sind, sondern daß wir uns immer weiter von den »Millenniumszielen« entfernen.

Der größte Skandal besteht jedoch darin, daß in diesen Tagen zwar wieder von »Konjunkturpaketen«, »Abwrackprämien« und »Rettungsprogrammen« für notleidende Banken die Rede ist, aber den großen meinungsbildenden Medien die alarmierende Meldung der UNO von einer Milliarde hungernde Menschen keine einzige Zeile wert war.

Gestern wurde im Laufe des Tages gemeldet, daß allein die EU-Staaten bisher drei Billionen Euro in »Rettungspakete« für ihre Banken versenkt haben, daß EU-Parlamentarier künftig nicht mehr wie normale Reisende unterwegs sein müssen, sondern es sich bei ihren Flügen in den Sesseln der Business-Klasse bequem machen dürfen, daß die USA zehn Milliarden US-Dollar springen lassen wollen, um neue Spionagesatelliten zu entwickeln. Die Deutschen können weiterhin 2.500 Euro Steuergelder kassieren, wenn sie ihre nicht mehr ganz neuen Autos verschrotten, und das Pentagon hat 100 Millionen Dollar verpulvert, um sein Internetsystem zu schützen. Das sind alles Meldungen von einem einzigen Tag!

Die EU hat gestern stolz verkündet, daß sie ihre »Entwicklungshilfe« zu erhöhen gedenkt. Im Jahr 2008 betrug der Etat 49 Milliarden Euro, was 0,4 Prozent des BNE entspricht. Allerdings hatte der G-8-Gipfel 2005 bereits 0,56 Prozent des BNE in Aussicht gestellt, das hätten dann 69 Milliarden Euro sein müssen. Noch einmal zum Vergleich: Die »Rettung« der Banken ist der EU 3.000 Milliarden wert. Und hier ist noch nicht die Rede davon, wieviel von der »Entwicklungshilfe« auf geheimnisvollen Wegen in die EU-Länder zurückfließt, weil damit zum Beispiel subventionierte Lebensmittel aus EU-Ländern gekauft werden.

Wie wollen wir das alles den Jungen in Manila erklären?

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Donnerstag 9. April 2009