Die Folgen der Finanz-, Wirtschafts- und Systemkrise

Arbeitsplatzabbau, Kurzarbeit, weniger Lohn, ... zunehmend soziale Probleme

Die Krise ist vor Monaten auch in Luxemburg angekommen. Wie von den Kommunisten vorausgesagt, nicht allein im Finanzsektor. Nein, auch die reale Wirtschaft ist von größten Problemen betroffen. Aus den Betrieben häufen sich die schlechten Nachrichten. Vielfach läuft die Produktion seit Monaten nur mehr auf Sparflamme. In einer ersten Phase wurden Sonntagsschichten und Überstunden reduziert oder gestrichen, Feierschichten eingelegt. Den Leiharbeitern wurden die Verträge nicht mehr verlängert. Arbeitsplätze werden abgebaut. Tausende Lohnabhängige werden auf Kurzarbeit gesetzt. Und mit Villeroy & Boch meldete vor Wochen ein erstes traditionsreiches Unternehmen die Einstellung der Produktion. Zu befürchten ist, dass dies nur der Anfang einer längeren Serie von Hiobsbotschaften gewesen sein dürfte. Denn anzunehmen ist, dass derzeit mit allen Mitteln versucht wird, bis nach den Wah-len vom 7. Juni den Deckel auf dem Pulverfass zu halten.

Eine Folge des Lohnverlusts (Kurzarbeit, Verlust der Zuschläge für Sonntagsarbeit und Überstunden) und der massiv steigenden Arbeitslosigkeit sind Kaufkraftverlust und zunehmend soziale Probleme. Und dies nicht mehr nur bei Mindestlohnverdienern. Die Zahl der Haushalte, die Schwierigkeiten haben, um über die Runden zu kommen, nimmt ständig zu. Große Sprünge können sich immer weniger leisten. Denn bei vielen reicht das Geld schon lange vor Monatsende nicht mehr aus, um ein würdiges Leben zu führen.

Das Armutsrisiko, und damit die Gefahr, an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder gar von dieser ausgegrenzt zu werden, nimmt unter solchen Bedingungen permanent zu. Dass im Marienland Luxemburg schon vor Ausbruch der Krise 14 Prozent aller Haushalte armutsgefährdet waren, spricht eigentlich Bände. Eine Zahl, die sicherlich nicht abnehmen wird. Im Gegenteil.

Als armutsgefährdet werden in der Regel Haushalte gezählt, die ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des Medialeinkommens haben. Für eine alleinstehende Person wären dies im letzten Jahr um die 1.500 Euro im Monat gewesen – also nur unwesentlich weniger als der aktuelle Mindestlohn – während für Haushalte, bestehend aus vier Personen, die Armutsrisikogrenze bei rund 3.200 Euro im Monat liegt. Als Einkommen wird allerdings nicht allein der Lohn betrachtet, sondern auch die Familienzulagen sowie sonstige staatliche Zuschüsse. Wie dramatisch die Situation inzwischen ist, sieht man da-ran, dass ohne Transferleistungen jeder vierte Haushalt inzwischen von Armutsrisiko bedroht wäre.

Dies stört die Patronatsorganisationen allerdings nicht daran, bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Index weiter im Visier zu haben, die bestehenden Löhne allgemein als zu hoch zu bezeichnen und den Mindestlohn lieber heute denn morgen abschaffen zu wollen. Von den Gewerkschaften fordern sie eine noch moderatere Lohnpolitik. Eine Forderung, die sich nahtlos in den von der Tripartite beschlossenen Sozialabbau einreiht. Erinnert sei daran, dass allein durch die Indexmanipulation jeder Schaffende insgesamt um die Hälfte eines halben Monatslohns »bestohlen« wird. Als hätte dies nicht gereicht, wurden damals im gleichen Atemzug auch die Familienleistungen desindexiert und zur gleichen Zeit auf kommunaler Ebene die Preise für Strom, Wasser, Müllabfuhr und Kinderbetreuung massiv angehoben.
Kinderbonus, Steuerkredit und die am 1. März als Bonbons vor den Wahlen eingeführten »Chèques« für Kinderbetreuung dürften gewisse Probleme deshalb höchstens nur etwas lindern, aus dem Schlamassel heraushelfen werden sie den von sozialen Problemen betroffenen Haushalten jedoch nicht. Am meisten von Armutsrisiko bedroht sind Arbeitslose und Alleinerziehende – praktisch jede/r Zweite. Gleiches gilt für jene 11 Prozent aller Schaffenden (Statec) die regelmäßig arbeiten, deren Einkommen jedoch niedriger als die angegebene Armutsgrenze einzustufen ist (working poor).

Eine Situation, die sich angesichts der Krise mit Sicherheit weiter zuspitzen wird. Ob die Regierungsparteien den Wählern die volle Wahrheit wohl deshalb bis nach den Wahlen vorenthalten wollen?

g.s.

Gilbert Simonelli : Samstag 4. April 2009