Neuer Markt für 30 Leiharbeitsfirmen:

Pilotprojekt »Indura« wird ausgelobt

Es ist Wirtschaftskrise, die Leiharbeitsfirmen verlieren einiges, womit sie vor kurzem noch Geld gemacht haben: Leihpersonal ist das erste, das rausfliegt, zur Zeit etwa am Findel am Cargo-Center. Das ist total blöd fürs Personal, aber auch für die Leiharbeitsfirma. Erstes findet sich am Arbeitsamt ein, für die zweite hat Arbeitsminister Biltgen eine tolle Idee: er bietet den Leiharbeitsfirmen einen neuen Markt, weil ja niemand vergessen werden darf.

Innerhalb der nächsten zwei Wochen gibt es einen Aufruf an die 30 Leiharbeitsfirmen, sich am Pilotprojekt »Indura« zu beteiligen. Das soll die Abkürzung für »intégration durable«, also ständige Integration am Arbeitsmarkt sein. Nicht mitspielen dürfen in der ersten Phase die Rekrutierungsfirmen, worüber die ganz und gar nicht erfreut sind.

Der Grund dafür ist laut François Biltgen der, daß das Arbeitsministerium alle Leiharbeitsfirmen bestens kennt, da es sie akkreditiert, bevor sie ihre Tätigkeit aufnehmen, und auch diese Genehmigung jährlich zu erneuern ist. Bei den Rekrutierungsfirmen ist das nicht so, und daher wisse so genau niemand über alle Bescheid, auch wenn das Arbeitsamt bereits seit einiger Zeit mit einigen zusammenarbeitet. In einer zweiten Phase, so heißt es, dürften aber auch Rekrutierungsfirmen ran, wie schnell es zur zweiten Phase komme, hänge am Zuspruch und am Erfolg in der ersten Phase.

Die Arbeitslosenzahlen werden zunehmen, daran führt kein Weg in der Krise vorbei. Das gibt der CSV-Parteipräsident vom sicheren Weg in Personalunion mit dem Arbeitsminister zu. Aber es müsse verhindert werden, daß aus jenen, die arbeitslos werden, Langzeitarbeitslose werden: nach 12 Monaten gäbe es erfahrungsgemäß kaum noch Hoffnung, jemanden am Arbeitsmarkt unterzubringen. Es dürfe daher nicht das Ziel sein, eine passive Arbeitsmarktpolitik und längere Zeiten mit Arbeitslosengeld anzustreben. Mit einer aktiven Arbeitsmarktpolitik soll der Rück-weg in ein Arbeitsverhältnis beschleunigt werden.
Bedingungen von diesem Spiel Leiharbeitsfirmen, die mitmachen wollen – im Vorfeld hätten einige Interesse angemeldet – müssen für die Projektteilnahme eine eigene Firma gründen: damit sei die nötige Betreuung sichergestellt. Jede dieser Firmen erhält zunächst 15 Leute vom Arbeitsamt zugeteilt, die dem Durchschnitt aller entsprechen, die dort gemeldet sind: Männer und Frauen, Ältere und Jüngere, leichter und schwerer Vermittelbare, unter letzteren ganz sicher auch welche von den rund 1.000 Portugiesen, die keine Sprache außer Portugiesisch sprechen, wobei nicht einmal alle in der Lage sind, ihre Muttersprache zu schreiben.

In die Zuteilung kommen aber nur Leute, die auch Arbeitslosengeld erhalten, womit die Hälfte der beim Arbeitsamt Eingeschriebenen wegfällt. Der Grund liegt darin, daß der Arbeitsminister zwar etwas tun will (und wohl auch muß im Angesicht des nahen Wahltermins), dem »Fonds pour l’emploi« aber keine Zusatzkosten aufhalsen will. Das, was aus diesem Fonds an die Firmen geht, soll dem Betrag an eingespartem Arbeitslosengeld entsprechen: für den Staat ist das dann ein Gewinn, weil ja Steuern und Sozialabgaben schneller wieder fließen.

Die Firma ist laut Ausschreibungsunterlagen verpflichtet, ein Qualifikationsprofil der 15 Leute zu erstellen und darauf eventuell eine Zusatzausbildung zu setzen. Allerdings kann das nicht viel sein, denn die Firma hat die Leute nur für die Zeit, in der sie Arbeitslose beziehen (in der Regel also höchstens 12 Monate, es sei denn es handelt sich um Ältere), und sie hat Interesse daran, die liebe Kundschaft so schnell wie möglich in ein Dauerarbeitsverhältnis zu bekommen, denn dann gibt es mehr Kohle für die Firma. Ein Dauerarbeitsverhältnis ist übrigens definiert als Arbeitsvertrag auf unbestimmte Zeit oder zumindest auf 12 Monate.

Die Firma bekommt am Anfang eine Prämie pro Beteiligten für die Grundkosten, wobei damit auch eine Betreuung bis zur Integration abgegolten ist.

Eine zweite Prämie kriegt die Firma, wenn jemand einen Arbeitsvertrag erhält, wobei es eine dritte Prämie gibt, wenn der Vertrag langfristigen Charakter bekommt. Die Prämien sind umso höher, je schneller keine Arbeitslose mehr zu zahlen ist.

Die Hoffnung des Arbeitsministers ist, daß die Leiharbeitsfirmen ihre Kontakte nutzen, und die Firmen lieber Leute dort nehmen, als vom Arbeitsamt, wo’s nicht vorgesehen ist, daß sie nach dem Ausprobieren wieder zurück an den Absender gehen können. Das sei, so Minister Biltgen, auch der Grund, warum etliche Firmen mittlerweile nur noch über Leiharbeitsfirmen rekrutieren.

Für die Betreuung des Projektes ist im Arbeitsamt, wo es bereits einen »consultant« für die Zusammenarbeit mit Leiharbeitsfirmen gibt, ein zweiter eingestellt worden: wenn sich tatsächlich alle 30 für die Projektteilnahme melden, ist das ein armer Hund. Er mußte sich gestern für diesen Fall bei der Pressekonferenz bereits bereit erklären, Überstunden zu machen.

Wie insgesamt beim Gesetz 5611 ist eine externe Evaluierung vorgesehen. Wenn nicht gleich am Anfang unerwartet Probleme auftauchen, die zu einer sofortigen Abänderung des Pilotprojekts führen können, wird da aber frühestens nach 12 Monaten – und das liegt ja zum Glück weit jenseits der nächsten Chamberwahlen – ein Ergebnis vorliegen.

Bis dahin gilt das Prinzip Hoffnung, eine treffliche Wahlwerbung!

jmj

Freitag 9. Januar 2009