AIDS: 68 Neuinfektionen im vergangenen Jahr

Gesundheitsminister beklagt »absoluten Rekord« bei HIV-Neuinfektionen und kritisiert Haltung des Papstes zu Präservativen

Im vergangenen Jahr gab es 68 HIV-Neuinfektionen in Luxemburg: 50 bei Männern und 18 bei Frauen. Davon steckten sich 36 Betroffene beim heterosexuellen und 24 beim homo- oder bisexuellen Geschlechtsverkehr an der nach wie vor tödlichen Immunschwächekrankheit an. Fünf Neuinfizierte nahmen das HI-Virus durch Drogenkonsum mit verschmutzten Spritzen auf, je ein Mal kam es zu einer Übertragung von einer Mutter auf ihr Kind oder bei einer Bluttransfusion im Ausland und in einem weiteren Fall konnte der Übertragungsweg nicht geklärt werden. Gegenwärtig leben 400 bis 500 HIV-infizierte Menschen im Großherzogtum und seit Beginn der Epidemie Anfang der 80er Jahre waren hierzulande fast 140 Todesopfer zu beklagen.

Gesundheitsminister Mars di Bartolomeo zeigte sich am Dienstag enttäuscht, nach 56 bzw. 47 Neuinfektionen in den beiden Vorjahren nun diesen »absoluten Rekord« für 2008 vermelden zu müssen. Da tröste es wenig, daß die Zahl der Todesfälle mit fünf »verhältnismäßig niedrig« geblieben sei. Wie die Ärztin Danielle Hansen vom »Comité de Surveillance du SIDA« gestern näher ausführte, sind die meisten Neuinfizierten des vergangenen Jahres 26 bis 35 Jahre alt, dicht gefolgt von der Gruppe der 36- bis 44-Jährigen. Drei Neuinfizierte sind jünger als 20 Jahre, davon steckte sich einer beim Drogenkonsum an.

Schaut man sich die Herkunft der Neuinfizierten an, so stellt man fest, daß mit 43 Männern und Frauen nahezu zwei Drittel im westlichen Europa geboren wurden, davon laut Gesundheitsminister etwa die Hälfte in Luxemburg. 21 Neuinfizierte wurden im subsaharischen Afrika geboren, zwei in Lateinamerika und einer in Asien. Bei einem war die Herkunft nicht zu ermitteln. Nach einer mehrjährigen Vorbereitungszeit kündigte Hansen für Mai den ersten Einsatz des DIMPS-Busses (dispositif d‘intervention mobil pour la promotion de la santé sexuelle) an, mit dem Plätze aufgesucht werden sollen, an denen sich »Personen mit einem Risikoverhalten« wie Drogenkonsumenten, Prostituierte und deren Freier aufhalten.

Testen lohnt sich!

2008 hat das Überwachungskomitee damit begonnen, verstärkt Menschen dazu zu bewegen, sich auf HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten testen zu lassen. Denn es lohnt sich heute, zu wissen, ob man HIV-negativ oder HIV-positiv ist. Zum einen sind die modernen HIV-Therapien sehr wirksam und sogar in der Lage, die Übertragungswahrscheinlichkeiten aufgrund der damit verbundenen Senkung der Viruslast extrem zu reduzieren. Zum anderen ist bekannt, daß ein positives Testergebnis das Verhalten im Sinne einer Verantwortungsübernahme für den Sexpartner und allgemein das gesundheitliche Handeln befördert. Trotzdem warnte di Bartolomeo davor, angesichts neuer Medikamente das Risiko, sich zu infizieren, zu verharmlosen. AIDS bleibe »ein erbarmungsloser Killer«.

Die vom Oberkatholiken Joseph Alois Ratzinger alias »Papst Benedikt XVI.« auf seiner jüngsten Afrika-Reise vertretene Ansicht, das vor allem dort verbreitete AIDS-Problem werde durch die Benutzung von Kondomen noch verschlimmert, während nur »spirituelles Erwachen« ratsam sei, stieß beim Gesundheitsminister auf völliges Unverständnis, weil Ratzinger mit solch weltfremden Aussagen »Dogmen über das Leben der Afrikaner« stelle.

oe

Oliver Wagner : Mittwoch 1. April 2009