Ein Rad in der Maschinerie der Menschenvernichtung

Französische Bahn stellt sich ihrer Rolle bei der Judendeportation

Die SNCF, Frankreichs Staatsbahn, hat eine Liegenschaft für die Errichtung einer Stätte des Gedenkens an die Judendeportation zur Verfügung gestellt. Bahnchef Pepy betonte, sein Unternehmen wolle die Rolle bei den Transporten in Vernichtungslager weiter aufklären. Aktuelle Anwürfe in den USA gegen die SNCF haben dagegen fadenscheinige Motive.

Das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs von Bobigny bei Paris, wo 1943 und 1944 insgesamt 22.407 Juden in 21 Züge verfrachtet und nach Auschwitz deportiert wurden, soll gemeinsam mit dem nahe gelegenen ehemaligen Sammellager Drancy in eine Gedenkstätte umgewandelt werden. Dazu wurde das 3,5 Hektar große Bahngelände am Dienstag in Anwesenheit ehemaligen Deportierter feierlich von der Staatsbahn SNCF an die Stadt Bobigny übergeben. Ehrengast der Zeremonie war Simone Veil, ehemalige EU-Parlaments-Präsidentin, die selbst als junges Mädchen von Drancy über Bobigny nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden war.

SNCF-Präsident Guillaume Pepy erklärte, daß sich das Unternehmen der eigenen Vergangenheit stelle, sie zu verstehen versuche, Lehren ziehe und die Erinnerung bewahren wolle. »Die SNCF war seinerzeit zwangsverpflichtet und in den Dienst der deutschen Besatzer gestellt«, sagte Pepy. Dadurch sei die SNCF »ein Rad in der Maschinerie der Menschenvernichtung« geworden. Insgesamt wurden zwischen 1942 und 1944 75.000 Juden aus Frankreich mit 74 Zügen nach Auschwitz deportiert. Nur 2.500 Menschen kehrten zurück.

Pepy brachte »das Bedauern für die Konsequenzen des Handelns der seinerzeitigen SNCF« zum Ausdruck. Gleichzeitig erinnerte er daran, daß in jenen Jahren viele tausend Eisenbahner mutig Widerstand geleistet haben und mehr als 2.000 dafür hingerichtet wurden oder in der Haft ums Leben kamen. »Sie haben die Ehre der SNCF gerettet.« Das Bahnunternehmen habe nichts zu verbergen, seine Archive stehen seit 1996 für in- und ausländische Forscher offen.

In den USA wird die Vergangenheit der SNCF gegenwärtig genutzt, um sie von Geschäften fernzuhalten. In Florida und Kalifornien beteiligt sich die französische Staatsbahn an internationalen Ausschreibungen für den Bau und den Betrieb von Hochgeschwindigkeitsstrecken. Da die SNCF auf diesem Gebiet über große Erfahrungen verfügt und gute Chancen hätte, versuchen Konkurrenten offenbar, sie aus dem Rennen zu drängen.

In Kalifornien, wo es um das 36-Milliarden-Euro-Projekt einer Strecke zwischen Los Angeles, San Francisco und Sacramento geht, wurde extra ein Gesetz verabschiedet, das alle ausländischen Unternehmen von Staatsaufträgen ausschließt, die nicht lückenlos ihre Rolle bei den Judendeportationen offenlegen. Zwar wird die SNCF nicht wörtlich genannt, aber es zielt offensichtlich auf sie.

Serge Klarsfeld, Gründer und Vorsitzender der französischen Vereinigung der jüdischen Deportiertenkinder (FFDJF), ist empört über diese »verlogene Kampagne« und erklärt: »Die SNCF war seinerzeit von den Besatzern zwangsverpflichtet. Die Deportationszüge waren deutsch. Die Rechnungen wurden von der Gestapo an ein deutsches Reisebüro am Pariser Place de l’Opéra bezahlt: 18 Francs pro Kilometer und Waggon für die 336 Kilometer bis zur deutschen Grenze.« Klarsfeld ist »für die Aufarbeitung der Vergangenheit, aber gegen Gesten der Selbsterniedrigung, die die Schuldfrage aufweichen und unscharf werden lassen, während die Schuld der deutschen Besatzer und der französischen Kollaborateure vom Schlage Pétain, Laval, Bousquet oder Papon klar erwiesen ist«.

Von der Deutschen Bahn, die in Florida und Kalifornien mitbietet und Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn ist, hat man keine Erklärungen zur Mitverantwortung an den Judendeportationen gehört. Aber offenbar wurde das von ihr auch nicht gefordert. Vielleicht liegt es daran, daß sich die DB nicht mit historischen Erörterungen aufgehalten, sondern medienwirksam eine Spende von fünf Millionen Euro an Organisationen von Holocaust-Opfern angekündigt hat.

Ralf Klingsieck, Paris

Samstag 29. Januar 2011