Imperialistische Prioritäten

Mit sechs Milliarden Dollar können wir Hungersnöte und ähnliches bekämpfen. Aber wir können damit nicht verhindern, daß überall auf der Welt Menschen an Hunger sterben. Würden wir noch einmal fünf oder sechs Milliarden Dollar dazutun, könnten wir das. Die Fähigkeiten haben wir.

Josette Sheeran, Direktorin des Welternährungsprogramms der UNO (WFP), am 24.11.2008 in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«

Vom 29. November bis zum 2. Dezember 2008 fand in Doha, der Hauptstadt des Golfemirats Katar, die zweite UNO-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung statt. Doch obwohl vor allem die imperialistischen Zentren die tiefen globalen Krisen des vergangenen Jahres zu verantworten haben, zeigten gleich mehrere Regierungen der reichen Staaten des Nordens der Weltgemeinschaft die kalte Schulter und schwänzten die Konferenz.

So demonstrierten die Hauptverantwortlichen der kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftskrise, welchen Stellenwert sie der Bekämpfung von Hunger und Armut in der Welt beimessen.

Nach Angaben der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) hat sich das Heer derer, die Tag für Tag mit hungrigen Mägen zu Bett gehen müssen, im vergangenen Jahr um 40 Millionen vergrößert. Mittlerweile gehören ihm 961 Millionen Menschen an. Und das, obwohl selten so viele Nahrungsmittel geerntet wurden wie in den beiden zurückliegenden Jahren. Und die Aussichten für das neue Jahr sind noch düsterer: Die weltweite Krise wird noch mehr Menschen in Armut stürzen, so daß 2009 erstmals mehr als eine Milliarde Menschen unterernährt sein werden.

Die Ernährungskrise wird dadurch verschärft, daß die Nahrungsmittelpreise nach ihrem Hoch im Sommer 2008 in der zweiten Jahreshälfte zwar wieder deutlich gefallen sind, aber sich noch immer auf einem Niveau bewegen, das sich viele Menschen schlicht nicht leisten können. Zugleich führen die zurückgehenden Preise dazu, daß weniger angebaut wird. Zudem haben Bauern in vielen Staaten wegen der Finanzkrise wachsende Schwierigkeiten, Kredite zu bekommen.

Die Ernte wird daher in diesem Jahr wohl deutlich magerer ausfallen und die Preise werden vermutlich neue Rekordstände erreichen. Auf jeden Fall ist zu befürchten, daß entgegen der im Jahr 2001 mit viel Tamtam präsentierten Millenniumsziele der UNO, der Weltbank, der OECD und anderer internationaler Organisationen, die Zahl der hungernden bzw. der mangelernährten Menschen in der sogenannten Dritten Welt nicht ab- sondern zunehmen wird.

Wohl selten in der Geschichte des von Karl Marx auf das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts datierten Beginns des industriellen Kapitalismus, der gut ein Jahrhundert später mit dem Verschmelzen von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital in seine von Lenin als Imperialismus bezeichnete monopolistische Phase trat, ist der Klassencharakter bestimmter Regierungshandlungen zur Rettung von Banken, Versicherungen und ganzen Industriezweigen bei gleichzeitigem Anwachsen des Hungerproblems in der Peripherie deutlicher geworden.

Während die staatlichen Hilfspakete mittlerweile auf 8.000 Milliarden US-Dollar beziffert werden, könnten der WFP-Direktorin Josette Sheeran zufolge mit einem Bruchteil eines Prozents dieser Summe die Hungerprobleme behoben werden.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Freitag 9. Januar 2009