Unser Leitartikel:
Traurige Rekorde

Als Rosi Ackermann am 26. August 1977 in Berlin als erste Frau der Welt die 2 Meter übersprang oder Sergej Bubka als erster Mensch überhaupt mit dem Stab die 6-Metermarke überquerte, sorgten ihre Rekorde weltweit für Schlagzeilen. Sie wurden würdig gefeiert und gingen mit ihren Leistungen für immer in die Sportgeschichte ein.

Anders hält es sich allerdings mit den »Bestleistungen«, die nun schon seit Monaten regelmäßig im Vier-Wochen-Rhythmus in Luxemburg aufgestellt werden. Und die bei ihrer Bekanntgabe die breiten Massen keinesfalls erfreuen. Die Rede ist von den Rekorden, die monatlich vom Arbeitsmarkt gemeldet werden.

4.082 Kurzarbeiter im Januar, 6.919 im Februar, 9.210 im März und 10.410 im kommenden Monat, wenn das keine Steigerung ist. Ähnlich verhält es sich mit den Arbeitslosenzahlen. Diese stiegen von 10.801 Anfang Dezember 2008 auf 13.006 Ende Februar. Eine Steigerung von rund 30% in nicht einmal 120 Tagen!

Zum Jubeln ist das nicht, eher zum Weinen. Immerhin zählt das Marienland Luxemburg heute fast 18.000 Arbeitsuchende – denn den Arbeitslosen muss man unbedingt die nahezu 3.000 Frauen und Männer in befristeten Beschäftigungsmaßnahmen sowie die vielen Teilinvaliden ohne Job hinzurechnen. Ohne Zweifel ein schlechtes Image für ein Land, das zu den reichsten der Welt gehört.

Das Bild dürfte sich in den nächsten Monaten weiter verschlechtern. Die Nachrichten aus den Betrieben weisen jedenfalls auf eine weitere deutliche Degradierung der Lage hin. Schwer von der Finanz-, Wirtschafts- und Systemkrise betroffen sind Autozulieferer sowie Maschinenbauer und metallverarbeitende Betriebe. Doch nicht allein in Industriebetrieben wird kurzgetreten. Erstmals werden im kommenden Monat auch Mitarbeiter von Transportbetrieben auf Kurzarbeit gesetzt. Und zu befürchten ist, dass die Folgen der Krise sich weiter auf andere Sektoren ausweiten werden. So wurde beispielsweise dieser Tage aus der Baubranche ein 30-prozentiger Rückgang an Baugenehmigungen gemeldet. Auch in den Banken tickt die Bombe weiter, selbst wenn die zuständigen Minister permanent versuchen, die Lage zu beschönigen und Zweckoptimismus vorzutäuschen. So wie es am Mittwoch nach der Sitzung des Konjunkturkomitees abermals der Fall war.

Dabei hat sich das Geschwür längst verbreitet. Immerhin wird im kommenden Monat in 108 Betrieben kurzgearbeitet. Tendenz steigend. Die Lunte ist gezündet. Und brennt in einem derart schnellen Tempo, dass es der Regierung kaum möglich sein wird, den Deckel bis nach den Parlamentswahlen auf dem Pulverfass zu halten. Die Ankündigung der Schließung der Produktionsanlagen bei Villeroy & Boch dürfte ein erstes Zeichen dafür gewesen sein.

Zu befürchten ist, dass es bis zur nächsten Horrormeldung nur eine Frage der Zeit sein wird. Ganz zum Leidwesen der Schaffenden.

Auf eine Frage wird man bei den vielen Durchhalteparolen der Regierung allerdings nicht antworten können: wer von Jeannot Krecké oder François Biltgen nach den Wahlen am schlechtesten bei einem Lügendetektor-Test abschneiden wird? Deshalb am 7. Juni beide Regierungsparteien abstrafen und die Kommunisten wählen.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Freitag 27. März 2009