Das Zeitalter der Atomwaffen endgültig beenden!

Mediziner aus 38 Ländern fordern von Rußland und den USA radikale nukleare Abrüstung

Über 300 international renommierte Gesundheitsexperten aus 38 Ländern haben den russischen Präsidenten Dmitri Medwedjew und seinen US-amerikanischen Amtskollegen Barack Obama in einem IPPNW-Appell aufgefordert, »das Zeitalter der Atomwaffen endgültig zu beenden«.

London wird am 1. April, am Vorabend des G 20 Gipfels, eine Premiere erleben: Erstmals treffen die neuen Präsidenten Rußlands und der USA aufeinander. Dabei geht es vor allem auch um den Abbau der nationalen Kernwaffen-Arsenale sowie um die globale atomare Abrüstung und Schritte zur nuklearen Nichtweiterverbreitung. Beide Seiten verfügen mit geschätzten 14.000 (Rußland) bzw. 9.400 (USA) über 95 Prozent der weltweit gelagerten Atomwaffen. 2.300 davon befinden sich auch zwei Jahrzehnte nach Ende des Ost-West-Konflikts weiter in höchster Alarmbereitschaft, montiert auf Raketen, die innerhalb kürzester Zeit startklar sind, um im Ernstfall 30 Minuten später Städte des jeweils anderen Landes in Schutt und Asche zu legen.

Deshalb haben sich jetzt mehr als 300 weltweit führende Ärztinnen und Ärzte mit einem besonderen medizinischen Appell an die Präsidenten Rußlands und der USA gewandt und das Ende des atomaren Zeitalters gefordert. Der Brief, den u.a. Nobelpreisträger, Gesundheitsminister, Dekane und Leiter medizinischer Einrichtungen aus 38 Ländern unterzeichnet haben, wurde am Montag in Moskau von einer russischen Delegation von »Ärzten gegen den Atomkrieg« (IPPNW) und in Washington von der dortigen Schwestersektion Physicians for Social Responsibility übergeben.

Der Arzt Dr. Ira Helfand aus den USA, Hauptinitiator des Appells, bezeichnet die vorhandenen Kernwaffen als gefährlichste Bedrohung für die Gesundheit und den Fortbestand der Menschheit. Doch diese Gefährdung könne im Gegensatz zu anderen großen Bedrohungen wie Klimawandel, Armut oder AIDS und weiteren endemischen Seuchen mit einem einfachen politischen Beschluß aus der Welt geschafft werden. Moskau und Washington haben sich bereits darauf verständigt, bis Ende des Jahres ein Nachfolgeabkommen für den Vertrag zur Verringerung der Strategischen Nuklearwaffen (START) zu schließen. Eine erfolgreiche Vereinbarung könnte auch die Ratifizierung des Atomteststopp-Vertrags im USA-Senat erleichtern. Rußland hat vorgeschlagen, im Rahmen von START neben nuklearen Sprengköpfen auch Interkontinentalraketen sowie schwere Bomber zu erfassen. Andererseits hat Präsident Medwedjew zuletzt mit Verweis auf die Erweiterungspläne der NATO eine in den USA unter Präsident Bush längst angeschobene Modernisierung der Atomwaffen ab 2011 angekündigt.

In dem Schreiben wird darauf hingewiesen, daß allein der Einsatz von »nur« 300 dieser Atomwaffen im jeweils anderen Land den Tod von mindestens 90 Millionen Menschen zur Folge hätte, darüber hinaus die totale Zerstörung jeglicher Lebensgrundlagen. An den Folgen würden innerhalb weniger Monate auch alle anderen Menschen in den angegriffenen Ländern zugrunde gehen.

Die Einflüsse von Atomwaffenabwürfen in der genannten Dimension auf die Atmosphäre wären so gravierend, daß durch die weitgehende Blockierung des Sonnenlichts die Temperaturen auf der Erde sinken würden »wie es seit der Eiszeit vor 18.000 Jahren nicht mehr der Fall war«.

Beide Länder, so der IPPNW-Appell, sollten sich nun in einer Atomwaffenkonvention verpflichten, alle Nuklearsprengköpfe abzuschaffen und unmittelbar Verhandlungen mit den anderen Kernwaffenstaaten über einen solchen Vertrag aufnehmen.

»Sie haben die Macht, das Zeitalter der Atomwaffen ein für alle Mal zu beenden«, heißt es in dem Brief weiter. »Diese Macht birgt aber auch eine riesige Verantwortung. Sie sind zu diesem schwierigen Zeitpunkt mit dringenden Krisen konfrontiert, aber sie alle sind nebensächlich im Vergleich zu der dringenden Notwendigkeit, einen Nuklearkrieg zu verhindern. Es gab bereits mehrere andere Gelegenheiten, die Nuklearwaffen zu vernichten, aber wir haben diese Gelegenheiten verpaßt. Der jetzige Zeitpunkt könnte unsere letzte Chance sein. In tausend Jahren wird sich niemand an die meisten Dinge erinnern, die Sie in den nächsten Jahren in Angriff nehmen. Aber niemand wird jemals die politischen Führer vergessen, die uns von der Gefahr eines Atomkrieges bewahrt haben.«

»Wir schreiben Ihnen in der großen Hoffnung, daß Sie die Gunst der Stunde, die durch Ihre Wahl entstanden ist, nutzen« heißt es in dem Brief an die Präsidenten Rußlands und der USA. Und er schließt mit den Worten: »Wenige Menschen in der Geschichte haben die Chance, etwas großes Gutes zu tun. Sie haben die Möglichkeit, die Welt zu retten. Bitte enttäuschen Sie uns nicht.«

Olaf Stanke

Mittwoch 25. März 2009