Die »Garde« marschiert

Ungarische Faschisten rekrutieren neue Mitglieder

Das ungarische Wort »Jobbik« kann man sowohl mit »die Besseren« als auch mit »die Rechteren« übersetzen. Genau das war die Überlegung, als ungarische Neo-Faschisten nach langen internen Debatten und handgreiflichen Auseinandersetzungen eine neue Partei gründeten, die seit Jahren unter dem Namen »Jobbik« Angst, Schrecken, und schlechte Erinnerungen verbreitet.

Diese sogenannte Partei macht regelmäßig zu Nationalfeiertagen – Ungarn hat deren drei – und Jahrestagen mit martialischen Aufmärschen von sich reden. Seit dem 20. August 2007 verfügt der Verein über eine uniformierte Truppe, die »Ungarische Garde«. Ausgerechnet am beliebtesten der ungarischen Feiertage, dem historischen »Tag des Brotes«, an dem jedes Jahr Tausende Ungarn aus allen Teilen des Landes nach Budapest strömen, marschierten die neuen Faschisten vor dem Amtssitz des ungarischen Präsidenten im Budapester Burgviertel auf, um als erste uniformierte Formationen den Eid abzulegen.

Die Rechtsextremen, die sich offen zu den Traditionen der ungarischen Pfeilkreuzler bekennen, der Verbündeten der deutschen Nazis, fordern bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Wiederherstellung der ungarischen Grenzen von vor 1919. Das umfaßt Territorien aller heutiger Nachbarstaaten, in erster Linie Rumäniens und der Slowakei, aber auch Österreichs, Kroatiens, Sloweniens, Serbiens und der Ukraine.

Sowohl die Aufmärsche der Partei, als auch vor allem die der »Ungarischen Garde« sind gespickt mit Symbolen aus ungarischer faschistischer Tradition. Immer wieder sieht man Uniformen der ungarischen Armee des zweiten Weltkrieges, die Märsche dieser Armee (wie z.B. »Wir sind Soldaten von Miklós Horthy«) kann man auf CD an jeder zweiten Ecke kaufen, ebenso die faschistischen Symbole wie Pfeilkreuze oder die rot-weiß-gestreifte »Árpád-Fahne«, die von den Pfeilkreuzlern und den Horthy-Leuten als Kriegsflagge benutzt wurde.

Unter eben diesen Symbolen marschierten am Sonntag wieder hunderte gewaltbereite Männer durch die Stadt. Diesmal war es der Jahrestag der bürgerlichen Revolution von 1848, des ungarischen Aufstandes gegen die habsburgische Fremdherrschaft, der anderthalb Jahre später blutig niedergeschlagen wurde.

Auf dem Budapester Heldenplatz, dem zentralsten Platz der Hauptstadt, den die Polizei zu diesem Zweck für die Faschisten reserviert und abgesperrt hatte, waren 650 neue Mitglieder der »Magyar Garda« angetreten, um den Eid auf ihre Führer zu leisten. Jobbik-Chef und Garde-Gründer Gábor Vona erklärte zu diesem Anlaß, die Gardisten würden »ein neues Kapitel der ungarischen Geschichte schreiben«. Der reformierte Pfarrer Lóránt Hegedüs, der seit Jahren für seine haßerfüllten Ausfälle bekannt ist, war zur Stelle, um die Fahnen zu segnen. Dabei diffamierte er die demokratisch gewählte ungarische Regierung als »die dunkelste und schmutzigste in der Weltgeschichte«. Und der »Hauptmann« der Truppe, ein gewisser Róbert Kiss, äußerte sich laut der ungarischen Nachrichtenagentur MTI stolz auf seinen Verein, den er als das »lebendige Gewissen Ungarns« bezeichnete.

Die »Ungarische Garde« nennt sich selbst eine Organisation zum »Schutz des Erbes und der Kultur des Landes«, die mit dem Ziel gegründet wurde, »einen Rahmen für die nationale Verteidigung« zu schaffen. Ein Versuch eines Budapester Gericht, die Garde zu verbieten, weil ihre Aktivitäten nicht mit den deklarierten Vereinszielen übereinstimmen, ist vorerst fehlgeschlagen.

Mitlieder der Garde sind vor allem junge Männer aus den untersten Schichten der Bevölkerung, die aus ländlichen Gebieten oder kleineren Städten des Landes stammen. Sie sind Verlierer des sogenannten »Systemwechsels«, Opfer der aktuellen Krise, arbeitslos, schlecht ausgebildet und haben kaum eine reale Chance, sich durch eigene Arbeit ein besseres Leben zu schaffen. Daher sind sie besonders anfällig für die Parolen der rechten Rattenfänger, die sich gegen die sozialdemokratische Regierung, gegen alle Linken, aber auch gegen nationale und ethnische Minderheiten richten, in erster Linie gegen Zigeuner und Juden.

Wie Agenturen meldeten, kam es am Abend des Nationalfeiertages bei Protestdemonstrationen gegen die Politik der Regierung erneut zu Ausschreitungen. Die Polizei hatte große Mühe, die vorwiegend rechtsgerichteten Demonstranten davon abzuhalten, den Platz vor dem Parlament zu besetzen.

bro

Uli Brockmeyer : Dienstag 17. März 2009