Unser Leitartikel:
Amoklauf ohne Ende

In Afghanistan sind seit Jahresbeginn mindestens 100 »unbeteiligte Zivilpersonen« durch die sogenannten »Koalitionstruppen« getötet worden. Unbeteiligte Zivilpersonen sind einfache Menschen, die in einem Dorf, in einer Stadt auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule waren, oder dabei waren, sich eine Arbeit zu suchen oder auch nur ein Stück Brot für ihre Familie. Manche machten den Fehler, in Gruppen zu einer Hochzeit ins Nachbardorf zu laufen. Sie waren zu einer bestimmten Zeit an einem Ort, an dem irgendjemand aus dem Korps der »Koalitionstruppen« gerade einen oder mehrere Gegner vermutete und einfach drauflos ballerte.

»Koalitionstruppen« werden jene Besatzungstruppen genannt, die gemeinsam mit oder im Gefolge der US-amerikanischen »Befreier« in das Land am Hindukusch einmarschierten, weil ihre Regierung ihnen sagt, man müsse dort die Freiheit verteidigen. Zu diesen Besatzern gehören auch Soldaten aus unserem kleinen Großherzogtum im Herzen Europas.

Den Angehörigen der »Koalitionstruppen« wird tagtäglich von ihren Kommandeuren beigebracht, daß sie sich in Feindesland befinden und von Gegnern umgeben sind, die so feige sind, daß sie sich als Zivilpersonen tarnen, aber jederzeit bereit sind, auf die Befreier des Landes zu schießen. Deshalb müssen die Befreier in der Lage sein, als erste zu schießen. Denn wie man schon aus den guten alten Westernfilmen weiß, überlebt meistens der, der zuerst schießt.

Westernfilme sind heute nicht mehr ausreichend instruktiv, deshalb haben Militärpsychologen der NATO-Armeen realitätsnahe Spiele für den Computer erfunden. Studien haben festgestellt, daß bei US-Soldaten, die in Kriegsgebieten eingesetzt wurden, die Bereitschaft, jeden beliebigen Menschen zu töten, mehr als doppelt so hoch war, nachdem die sich täglich mit Killerspielen am PC beschäftigten.

Der 17-jährige Amokläufer in Baden-Württemberg, der am Mittwoch innerhalb weniger Stunden
15 Menschen erschossen hat, bevor er seinem eigenen Leben ein Ende bereitete, hatte solche Killerspiele auf seinem PC. Und er hatte Zugang zu der immensen Sammlung von Schußwaffen und Munition, die sein Vater in der Wohnung hortete. Er hatte das Wissen, die Übung, und die Gelegenheit, einmal richtig auf sich aufmerksam zu machen.

Statt jetzt endlich darüber nachzudenken, wie man junge Menschen davor schützen könnte, sich solches Wissen und solche Übung anzueignen und sich die Gelegenheit zum wahllosen Töten zu verschaffen, diskutieren Politiker und Journalisten bis zur geistigen Erschöpfung über Motive. Und lamentieren darüber, daß mehr Schulpsychologen eingestellt werden müßten. Und übersehen dabei wissentlich, daß damit derartige Amokläufe nicht zu verhindern sind.

Eine strengere Regelung des Zugangs zu Schußwaffen oder eine strikte Einschränkung der Herstellung und Verbreitung von Killerspielen sind aber nicht gewollt. Verantwortliche Politiker betonen, daß man aufgrund eines »Ausrutschers« keine »Einschränkung der Freiheit« zulassen dürfe.

Und genau darum geht es. Um die Freiheit, an jedem beliebigen Ort der Welt schießen zu dürfen – und das impliziert auch die Freiheit, sich an jedem beliebigen Ort erschießen zu lassen. Die jungen Leute in den USA haben die Freiheit, ihre Schießkünste in realen Kriegsgebieten anzuwenden. Brauchen wir diese Freiheit – für einen Amoklauf ohne Ende?

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Samstag 14. März 2009