Alarmierende Signale aus Betrieben

Bei der traditionellen Jahresendumfrage befürchteten 84 Prozent der Befragten für 2009 ein wirtschaftlich schlechtes Jahr. Besonders die negativen Meldungen vom Arbeitsmarkt bereiten der übergroßen Mehrzahl größte Sorgen. So rechnen fast 90 Prozent der Befragten mit einer wachsenden Arbeitslosigkeit. Vor Wochen schon hatte auch das statistische Amt in dieser Hinsicht von düsteren Aussichten gesprochen.
Aus den Betrieben häufen sich die Hiobsbotschaften, die Kurzarbeit nahm in den letzten Monaten massiv zu (über 4.000 Betroffene im Januar) und zum Jahreswechsel waren nahezu 14.000 bei der Adem als Arbeitsuchende eingeschrieben. Dass dabei nicht allein die Zahl der Langzeitarbeitslosen in den beiden letzten Jahre drastisch angestiegen ist, sondern auch immer mehr Jugendlichen mit nur geringer Qualifikation der Weg von der Schulbank ins aktive Leben versperrt bleibt, nennt der zuständige Minister schon seit geraumer Zeit sein mit Abstand größtes Problem.

Gleiches gilt auch für die Gewerkschaften. So bereitet die zunehmend dramatische Situation auf dem Arbeitsmarkt sowohl dem OGB-L wie auch dem LCGB nach wie vor die allergrößten Sorgen, mit denen man sich auch im neuen Jahr in beiden Gewerkschaftszentralen mit Priorität zu befassen habe.

Die Arbeitslosigkeit werde nur verwaltet, nicht aber bekämpft, hieß es am Montag während des Neujahrsempfangs der christlichen Gewerkschaft. Ein Vorwurf an die Politik, der durchaus berechtigt ist. Allerdings müssen sich beide Gewerkschaften den Vorwurf gefallen lassen, längst selbst in die Rolle des Mitverwalters geschlüpft zu sein. Nach Beispielen, die dies belegen, braucht man jedenfalls nicht allzu lange zu suchen. Als rezentes Beispiel in dieser Hinsicht sei das Strategiepapier Lux2011 bei ArcelorMittal erwähnt, das zur angeblichen Absicherung des Standorts Luxemburg – bravo, schon wieder eine »Rettungsaktion« – mit Einwilligung der Gewerkschaften den Abbau von bis zu 650 Posten in der Produktion vorsieht. Dies neben den 400 Stellen, die in den Bereichen Verwaltung und Vertrieb gestrichen werden.

Dass in der Stahlindustrie um die 1.000 hochwertige und deutlich über dem Mindestlohn entlohnte Arbeitsplätze vernichtet werden, ohne dass wenigstens dagegen manifestiert wird – geschweige denn richtig dagegen gekämpft wird – zeigt, in welchem Ausmaß sich die Gewerkschaften durch »Sozialpartnerschaft« und »Modell Luxemburg« in die Defensive haben drängen lassen. Eine Position, die auch damit nicht zu rechtfertigen ist, dass es trotz massiven Abbaus nicht zu Entlassungen kommen wird. Statt, wie es gewisse Salariatsvertreter im Anschluss an die Stahl-Tripartite im Dezember taten, das Strategiepapier als gelungene Rettungsaktion und Jobgarantie zu loben, wäre die Ankündigung eines Begräbnisses erster Klasse wohl angebrachter gewesen. Fakt ist nämlich, dass in der Stahlindustrie 1.000 weitere Posten vernichtet werden, die späteren Generationen – auch Arbeitsuchenden mit einer geringeren Qualifikation – nicht mehr zur Verfügung stehen werden.

Doch werden nicht allein in der Stahlindustrie Posten gestrichen. Auch andere Konzerne kürzen ihre Gehaltslisten. Abgebaut wird unter anderem bei Dupont, bei Luxair oder bei Cargolux. So kündigte beispielsweise unsere nationale Fluggesellschaft dieser Tage an, künftig Zeitverträge nicht mehr verlängern zu wollen und auf Leiharbeiter verzichten zu müssen. Auch sollen Überstunden abgebaut werden. Bei Goodyear wurden bekanntlich bereits vor Monaten die Sonntagsschichten gestrichen. Maßnahmen, die mit Lohnverlusten verbunden sind.

Doch auch kleinere Firmen sind von den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen. So stehen in zahlreichen mittleren und kleinen Betrieben Sparmaßnahmen an – von denen stets die Mitarbeiter betroffen sind –, bestätigte uns gestern ein Gewerkschaftsfunktionär, ohne uns allerdings Namen oder Details nennen zu wollen. Der Jubelmeldung, dass der Luxemburger Handel keine Krise kenne und die Geschäfte zum Jahresende hervorragend gelaufen seien – was anders ausgedrückt heißen könnte, dass es den Menschen so schlecht doch nicht geht – sollte man jedenfalls nicht allzu großen Wert beimessen. Der Zulauf in den Sprechstunden und die vielen Beschwerden – zunehmend ausstehende Löhne, die gerichtlich eingefordert werden müssen – würde er jedenfalls als deutliches Signal für Regression und eine sich noch vertiefende Krise verstehen. Die das Patronat voll auf Kosten der Schaffenden zu lösen versuchen wird.

Dem wird man allerdings nicht erfolgreich entgegen wirken können, wenn führende Salariatsvertreter künftig weiter die Ansicht vertreten werden, dass ein Abbau von Arbeitsplätzen leider zu den Spielregeln des Kapitalismus gehört, oder dass man sich der Rotstiftpolitik nicht weiter widersetzen könne, weil das Patronat schließlich am langen Hebel sitzt.

g.s.

Gilbert Simonelli : Mittwoch 7. Januar 2009