Unser Leitartikel:
In der Stahlindustrie brodelt die Gerüchteküche

In den USA hat ArcelorMittal kürzlich ein Werk bis auf weiteres stillgelegt. Überbrückt wird die Periode mit Feierschichten. Auf »bessere Zeiten« müssen die Stahlarbeiter zu Hause warten. Gleiches droht ebenfalls in vereinzelten Werken im Osten Europas. Doch auch im nahen Ausland wird zusätzlich merklich auf die Bremse getreten und die Produktion weiter zurückgefahren. Sowohl in Lothringen wie auch in Lüttich wird somit in nächster Zeit der Rotstift wüten. So soll beispielsweise in Lüttich jeder dritte Arbeitsplatz gestrichen, die Belegschaft von derzeit 4.200 auf 2.800 gesenkt werden.

Und in Luxemburg? Auch hierzulande wurde die Produktion um rund 30 Prozent zurückgefahren. Seit nahezu fünf Monaten stehen deswegen in den verschiedenen Werken bereits abwechselnd Feierschichten an. »Überschüssige« Mitarbeiter, die nicht auf eine große Reserve an Urlaubs- und Ruhetagen zurückgreifen können, werden in die CDR abgeschoben.
Damit jedoch nicht genug. Ende des letzten Jahres fiel die Entscheidung, 400 Arbeitsplätze in der Verwaltung zu streichen. In der Produktion wird ebenfalls abgebaut. So sollen bis Ende 2011 über die Frühverrentung bis zu 650 zusätzliche Stellen gestrichen werden. Ungewiss ist allerdings, ob es mit diesem bereits angekündigten Abbau getan sein wird.

Die Gerüchteküche brodelt nicht erst, seit am Mittwoch Premier Juncker und Konzernchef Lakshmi Mittal in Luxemburg zusammen waren. Gewiss nicht, um nur gemeinsam zu Mittag zu essen. Sicherlich auch nicht, um nur über die bevorstehende Einmottung des ARBED-Schlosses in der Freiheitsavenue zu diskutieren. Welche schlechten Nachrichten dem Premier während des Dinners vom Milliardär zusätzlich serviert wurden, drang, so kurz vor den Parlamentswahlen, nicht in die Öffentlichkeit.

Allerdings machte uns ein Satz im Bericht des »Tageblatt« stutzig. Und zwar die kurze, nicht so richtig ins Konzept des Artikels passende Mitteilung, dass den Arbeitern in Lüttich, denen ein anderer, weniger gut bezahlter Job zugewiesen wurde, der Lohnunterschied nicht bezahlt wird.

Eventuell wäre die kurze Information nicht sonderlich ins Gewicht gefallen, wären da nicht die in letzter Zeit vermehrt auftauchenden Gerüchte, die davon wissen wollen, dass die zu Anfang der Demontage der Stahlindustrie von den Personaldelegationen hart erkämpften Lohngarantien wenn nicht ganz abgeschafft, so doch beschnitten werden sollen. Was für die Mehrzahl der Betroffenen massive Lohnverluste zur Folge hätte.

Sogar allgemeine Lohnkürzungen werden in der Stahlindustrie zunehmend befürchtet. Auch hierüber zirkulieren seit Wochen die hartnäckigsten Gerüchte.

Diesen sollten Regierung und Gewerkschaftsführungen schnellstens ein Ende setzen. Und zwar, indem sie den Schaffenden jetzt – und nicht erst nach den Wahlen – die volle Wahrheit sagen.

Sollte nichts am möglichen Horrorszenario stimmen, dann wäre es doch einfach, dies den Stahlarbeitern sofort mitzuteilen. Wird jedoch der Mantel des Schweigens weiter ausgebreitet, dann…

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Freitag 13. März 2009