Konferenz um Klimawandel in Kopenhagen

Wasser bis zum Hals

In hundert Jahren könnte der Meeresspiegel um bis zu 1,90 Meter angestiegen sein

Zehn Monate noch, dann wird Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen eine der seit langem wichtigsten Klimakonferenzen der UNO beherbergen. Ganz oben auf der Tagesordnung wird ein neues Klimaschutzabkommen stehen, das dringend ausgehandelt werden muß. Das noch gültige Kyoto-Abkommen läuft nämlich schon Ende 2012 aus, und bis ein internationaler Vertrag rechtsverbindlich wird, also bis die nötige Zahl an Ländern ratifiziert hat, dauert es gewöhnlich ein paar Jahre.

Daß die Zeit drängt, zeigen neue Erkenntnisse der Klimaforscher. Mehr als 2.000 von ihnen tauschen sich seit Dienstag auf einer hochkarätigen Wissenschaftlerkonferenz in der dänischen Metropole am Öresund über den neuesten Erkenntnisstand ihrer Zunft aus. Denn der entwickelt sich rasant weiter, und die Forscher sollen für die Diplomaten, die sich im Dezember am gleichen Ort versammeln werden, die aktuellsten Ergebnisse ihrer Arbeit zusammenfassen.

Zwei Jahre ist es gerade her, daß der Zwischenstaatliche Ausschuß für Fragen des Klimawandels IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) seinen letzten, über tausend Seiten dicken Sachstandsbericht vorlegte, der die internationale Öffentlichkeit aufgerüttelt hat. Doch der Prozeß, in dem diese alle paar Jahre erscheinenden Berichte entstehen, ist mühselig, und immer werden diplomatische Hintertüren offengehalten, die unwillige Regierungen gerne nutzen, um hier und da alarmierende Einsichten hinter übervorsichtigen Formulierungen zu verstecken.

Warnende Stimmen werden lauter

Bestes Beispiel ist dafür der Meeresspiegel: Um maximal 59 Zentimeter würde er bis zum Ende des Jahrhunderts im schlimmsten Falle steigen, war 2007 im IPCC-Bericht zu lesen. Gegenüber den vorhergehenden Berichten hörte sich das wie eine Entwarnung an, denn da war von 80 Zentimetern oder gar mehr die Rede gewesen. Allerdings sind selbst 59 Zentimeter Anstieg für Inseln wie die Malediven oder flache Küstenregionen in Bangladesh, Westafrika, Ägypten oder Südvietnam kein Pappenstiel.

Allerdings haben schon 2007 Wissenschaftler wie der Potsdamer Ozeanograph und Klimamodellierer Stefan Rahmstorf darauf hingewiesen, daß die Formulierung eher irreführend ist. Voraussetzung für die Aussage »maximal 59 Zentimeter« ist nämlich, daß sich der Eisverlust in Grönland und der Westantarktis gegenüber der Periode 1994 bis 2003 nicht weiter beschleunigt.

Ein Zehntel der Menschheit gefährdet

Das erschien Rahmstorf schon vor zwei Jahren als eine eher gewagte Annahme, und inzwischen neigt eine zunehmende Zahl von Experten zu der Ansicht, daß der Anstieg des Meeresspiegels drastischer ausfallen wird, wenn nicht schleunigst mit dem Klimaschutz ernst gemacht wird. Rahmstorf gehörte zu den IPCC-Autoren, konnte sich aber nicht gegen zu vorsichtige Kollegen durchsetzen.

Die Kopenhagener Tagung hat allerdings bereits gezeigt, daß die warnenden Stimmen lauter geworden sind. Konrad Steffen, der an der Universität von Colorado in Boulder, USA, eine Forschungsgruppe leitet, schätzte in seinem Vortrag den Anstieg bis zum Ende des Jahrhunderts auf 0,9 bis 1,2 Meter. Rahmstorf, der ebenfalls nach Kopenhagen gereist ist, sieht den Anstieg gar zwischen 0,7 und 1,9 Meter. Mindestens ein Zehntel der Menschheit lebt in den gefährdeten Gebieten.

Die Höhe des Meeresspiegels hängt von zahlreichen Faktoren ab. Im Zusammenhang mit dem Klimawandel sind vor allem vier von Bedeutung: Zunächst ist wichtig, daß die genannten Zahlen immer nur globale Mittelwerte sind. Örtlich hängen die Pegelstände auch von Meeresströmungen und vom Zustand der Atmosphäre ab. Sollten sich zum Beispiel im Zuge der globalen Erwärmung die Tiefdruckgebiete bei Island verstärken oder diese häufiger auftreten, so würde dort der Meeresspiegel wegen der verringerten Auflast der Atmosphäre steigen. Zweitens tragen die in fast allen Gebirgen des Planeten schrumpfenden Gletscher zum Anstieg bei. Sie machen jedoch nur einen Bruchteil des Problems aus, weil die in ihnen gespeicherten Wassermassen vergleichsweise klein sind. Bedeutsamer ist da schon der dritte Aspekt, die wärmebedingte Ausdehnung des Meerwassers. Wie jeder Körper dehnt sich auch Wasser aus, wenn es erwärmt wird. Derzeit steigt der Meeresspiegel allein aufgrund dieses Faktors um 1,6 Zentimeter pro Jahrzehnt.

Schätzungen von 2007 veraltet

Selbst wenn die Treibhausgasemissionen sofort gestoppt werden könnten, würde dieser Faktor noch viele Jahrhunderte weiter wirken, denn die Erwärmung braucht sehr lange, bis sie in größere Tiefen vordringt.

Den vierten Faktor stellen schließlich die großen Eismassen auf Grönland und in der Antarktis da, und sie sind es auch, die den Wissenschaftlern am meisten Kopfschmerzen verursachen. Inzwischen ist nämlich längst klar, daß sich dort der Eisverlust beschleunigt und die Daten, auf denen die IPCC-Abschätzung von Anfang 2007 beruhte, veraltet sind. Auf Grönland zum Beispiel, wo es noch in den 90er Jahren im Sommer nur an den Gletscherrändern taute, klettern die Temperaturen inzwischen in den warmen Monaten selbst in Höhen von 2.000 Meter und mehr über null Grad Celsius.

Bleibt zu hoffen, daß die eindringliche Botschaft aus Kopenhagen bei den Politikern ankommt und im Dezember endlich ein Klimaschutzabkommen unterschrieben wird, das diesen Namen auch verdient.

Wlofgang Pomrehn

Freitag 13. März 2009