»Gemeint sind alle kubanischen Frauen, die sich in der Revolution verwirklicht haben«

Interview mit dem in Kuba lebenden Regisseur Tobias Kriele über »eine kleine Alltagsgeschichte, in der die Größe der Revolution sichtbar wird«

Im September und Oktober geht der Dokumentarfilm »La Revolución, una Señora Mujer« (BRD/Kuba 2010) auf kleine Fahrt. In einem guten Dutzend Städten in Luxemburg, der BRD und der Schweiz wird er das Leben von vier Freundinnen in 50 Jahren kubanischer Revolu­tion vorstellen. Zwei der porträtierten Frauen, Elena Aragón und Angela Pernas, werden bei den Aufführungen anwesend sein, ebenso Tobias Kriele, einer der Macher des Films. Am 14. September beginnt die Tournee mit der Aufführung im Circolo Culturale Eugenio Curiel in Luxemburg-Hollerich. Der Regisseur, der seit sechs Jahren in Kuba lebt und studiert, stellte sich vorab unseren Fragen.

Was hat es mit dem Titel des Films auf sich? Wovon handelt er?

In »Zucker & Salz«, so der deutsche Titel, lassen vier kubanische Frauen ihre fünfzig­jährige Freundschaft, die kurz nach dem Sieg der Revolution begann, Revue passieren. Sie sprechen über die Höhen und Tiefen ihres Lebens, in denen sie sich als Freundinnen zur Seite standen. Dabei zeigt sich, daß ihre Freundschaft und das Vertrauen, auf das sie sich gründet, unzertrennlich mit der kubanischen Revolution verbunden sind. Man könnte sagen, in ihrer Freundschaft spiegelt sich die Geschichte der Revolution, aber eben aus einer besonderen Perspektive. Es sind nicht die allgemeinen historischen Daten und Bilder, von denen er handelt, sondern es ist eine kleine Alltagsgeschichte, in der die Größe der Revolution sichtbar wird. Der deutsche Titel rührt von einem Ausspruch von Elena, die im Film ihre Mutter mit den Worten zitiert: »Echte Freunde nehmen auch das Salz zusammen, nicht nur den Zucker.«

Wie ist die Idee zu dem Film entstanden?

Der Kameramann und Cutter Martin Broschwitz und ich haben uns über die vier im Film letztendlich porträtierten Frauen kennengelernt. Martin wollte gerne in Kuba drehen, ich die vier Freundinnen in irgendeiner Weise verewigen. Auf einmal schien es uns möglich, zusammen einen Film zu machen, und da haben wir ihn gemacht.

Ich bin also gewissermaßen ein Gelegenheitsfilmemacher. Wir waren uns lange Zeit nicht sicher, ob sich überhaupt irgendjemand außer uns für den Film interessieren würde. Als ich ihn beim kubanischen Filminstitut ICAIC einreichte, hieß es: Man muß kein Verteidiger der Revolu­tion sein, um sie durch diesen Film besser zu verstehen. Im ersten Moment war ich empört, erst dann begriff ich, daß man uns ein großes Kompliment gemacht hatte. Der Film hatte seine Premiere im spanischen Original auf dem Dokumentarfilmfestival »Santiago Álvarez in Memoriam«, und die Reaktionen haben uns ermuntert, ihn auch in Europa zu zeigen.

Wovon handelt der Film?

Es ist ein Dokumentarfilm, in dem vier Kubanerinnen über ihre Freundschaft sprechen, die vor 50 Jahren in der Sierra Maestra während eines freiwilligen Arbeitseinsatzes als Lehrerinnen in der Bildungskampagne ihren Ausgang nahm. Auf einer tieferen Ebene geht es dabei um die Frage, was die Revolution eigentlich für die Menschen in Kuba verändert hat, in Bezug auf ihre Persönlichkeit, ihr Selbstwertgefühl, ihre Sensibilität, ihre Beziehungen, kurz­um: im alltäglichen Leben. Der Film will zeigen, daß sich in der Freundschaft dieser Frauen das große Projekt der Revolution widerspiegelt. Ich meine außerdem, er zeigt, daß diese scheinbar gewöhnlichen vier Frauen in Wirklichkeit außergewöhnlich sind. »Zucker & Salz« handelt von Angela, Elena, Ana und María, gemeint sind aber alle kubanischen Frauen, die sich in der Revolution verwirklicht haben. Welche Rolle spielte deine persönliche Beziehung zu den Protagonistinnen bei der Erarbeitung des Films?

Ich hatte zunächst Elena kennengelernt, aber mit ihr zwangsläufig auch ihre Freundinnen. Es hat nicht lange gedauert, und ich war Teil der Familie, wenn man das so nennen möchte. Wenn keine der vier anwesend ist, nenne ich sie »meine Omas«, in ihrer Anwesenheit »meine großen Schwestern«. Ich war von Anfang an schwer beeindruckt vom »Club der Akkumulierten Jugend«, wie sie sich selbst nennen. Jeder wäre das gewesen. Und dieser Eindruck wurde zum Impuls, diesen Film zu machen. Auf der anderen Seite hat es uns das gegenseitige Vertrauen erleichtert, daß die vier sich vor der Kamera öffnen können. Überhaupt, die vier sind Naturtalente. Ich schmälere meinen ohnehin geringen Ruhm nur ungern, aber der Film lebt einfach von der Ausstrahlung seiner Hauptpersonen, viel mehr als von der filmerischen Darstellung.

Es ist dies ja auch der Grund, weshalb wir großen Wert darauf legen, daß zumindest eine Abordnung der Freundinnen bei den Vorführungen anwesend ist.

Wie ist die Veranstaltungsreise konzipiert?

Wir wollen ein Stück Alltagsgeschichte der kubanischen Revolution nach Europa holen und werden dazu ein gutes Dutzend Veranstaltungen machen. Beginnen werden wir in Luxemburg, was uns sehr freut. Neben der Aufführung des Films wird es Beiträge von den anwesenden Kubanerinnen sowie des Filmemachers geben. Wir hoffen auf einen regen Austausch mit dem Publikum.

Wir denken, daß eine Verbindung kultureller und politischer Elemente dazu beitragen kann, sich auf eine andere, sinnliche Weise der Realität der kubanischen Revolu­tion zu nähern. Und möglicherweise vermag die Veranstaltung auch dazu anregen, sich einmal vorzustellen, wie menschliche Beziehungen jenseits der zerstörerischen Verhältnisse, die dem Kapitalismus wesenseigen sind, aussehen könnten.

Wenn du nicht gerade Filme machst, bist du Student. Was hat dich dazu bewogen, in Kuba zu studieren?

Ich arbeite mittlerweile an meiner Dissertation im Fach Philosophie in Havanna. Kurioserweise habe ich fast meine komplette Studienlaufbahn in Kuba absolviert. Ich gebe zu, ich lebe gerne in Kuba, denn die dortigen Verhältnisse sind schon an sich lehrreich und begünstigen das Lernen. Das tägliche Leben in Kuba ist ehrlich gesagt nicht gerade bequem. Aber es ist auf eine besondere Weise produktiv. Man schreibt an seiner Promotion, und plötzlich stellt man fest, hoppla, man hat auch noch einen Film gemacht. Kuba ist ein Ansporn, in jeder Hinsicht.

Interview: Oliver Wagner

Oliver Wagner : Freitag 3. September 2010