Das Wunder des Generals Petraeus

In den bürgerlichen Medien wird der zeitweilige Oberbefehlshaber der USA im Irak, General Petraeus, hoch gelobt, weil ihm der angebliche Rückgang der Attentate und dementsprechend auch der menschlichen Verluste im besetzten Irak als Erfolg zugeschrieben wird. Doch nicht nur die jüngsten Anschläge in Bagdad und Umgebung mit hohen Verlusten machen deutlich, daß die Realität eine etwas andere ist.

Gegen Mitte des Jahres 2007 waren die Verluste der US-Besatzer im Irak am höchsten. Es gab Monate, da überstiegen sie die Zahl von 100 Gefallenen. Es mußte etwas geschehen, wenigstens vorübergehend, um zu zeigen, daß die 20.000-Mann-Verstärkung des sogenannten »surge« (Welle) eine Wirkung gezeigt habe. In dieser Situation sorgte Al Kaida selbst für eine »Erleichterung« für die Besatzungsmacht.

Im Oktober 2006 hatte Al Kaida die Bildung eines islamischen Staates im Irak deklariert und von den sunnitischen Aufständischen der Stammesgebiete Unterwerfung unter den Kommandanten der Gotteskämpfer verlangt. Doch das war für die Scheichs der verschiedenen sunnitischen Stämme aus dem westirakischen Gebiet nicht hinnehmbar, weil sie damit auch noch einträgliche Geschäfte verloren hätten. Der Stamm Albu Rischa kontrollierte zum Beispiel größere Teile der Straße zwischen Bagdad und der jordanischen Hauptstadt Amman und verlangte Wegegeld von Geschäftsleuten und Reisenden. Der Stammeschef protestierte bei Al Kaida, was ihn und seinen Sohn das Leben kostete. Zwei weitere Söhne wurden entführt. Der vierte aber erhielt finanzielle Unterstützung vom örtlichen US-Befehlshaber und begann sich gegen die Forderungen von Al Kaida zu wehren. Diesem Beispiel folgten andere Stammesführer, und bald konnte man tote Al-Kaida-Kämpfer auf den Wegen in den Stammesgebieten auflesen.

Die USA ließen sich diese Hilfe einiges kosten. Sie zahlten bis zu 360 Dollar monatlich für einen sunnitischen Stammeskrieger. Von dieser Summe flossen natürlich mindestens 20 Prozent in die großen Taschen der Stammes-Scheichs.

Doch die von den USA in Bagdad installierte Regierung und die neu aufgestellte und ausgerüstete Armee, welche mehrheitlich aus schiitischen Soldaten besteht, konnte und wollte nicht dulden, daß sich die US-Besatzer eine private sunnitische Söldnerarmee aufbauten, zumal nicht wenige dieser Söldner für schwere Attentate in schiitischen Vierteln in Bagdad verantwortlich gemacht werden. Die Besatzer schlugen daher vor, ihre sunnitischen Hilfstruppen weiterhin zu bezahlen, wenn man sie in die neuen Armee- und Polizeistrukturen integrieren würde. Doch diese Integration kommt nicht vorn, da einige dieser Leute wegen Anschlägen oder als Verantwortliche der früheren Armee Saddam Husseins gesucht werden. Da etliche Söldner bereits verhaftet werden mußten, rücken die USA die Personalunterlagen nicht mehr heraus, und die Einbeziehung der Stammeskrieger in Armee und Polizei mußte gestoppt werden.

Das Abflauen der Attentate und der Rückgang der Opferzahlen sind also eher auf einen strategischen Fehler der oft ausländischen Krieger von Al Kaida zurückzuführen als auf einen Erfolg der US-Truppen.

Die sunnitischen Stammeskämpfer stehen nun vor der Wahl, sich wieder Al Kaida zuzuwenden – und damit einem separatistischen sunnitischen Gottesstaat, oder sich den mehrheitlich schiitischen Kommandostrukturen zu unterwerfen.

Aloyse Bisdorff

Mittwoch 7. Januar 2009