Gespräch mit einem langjährigen Stahlarbeiter

»Die heutige Devise lautet: Schnell, schneller, am schnellsten«

Es fällt schon fast nicht mehr auf, dass, wenn von Arbeitsplatzabbau oder schlechteren Arbeitsbedingungen die Rede ist, die Stahlindustrie so gut wie nicht mehr erwähnt wird. So, als wenn es dort keine Probleme gebe, als wenn bei ArcelorMittal alles in Butter wäre.

Dass dem keinesfalls so ist, erfährt man, sobald man mit Stahlarbeitern in einer Kneipe an einem Tisch sitzt. Denn egal worüber geredet wird, es dauert meistens nur wenige Minuten, bis die »Schmelz« zum Diskussionsthema avanciert und man die ersten Beschwerden hört.

Erst recht, wenn der Gesprächspartner ein alter Haudegen ist, schon lange in der Stahlindustrie beschäftigt ist, Höhen und Tiefen miterlebt hat und somit bestens in der Lage ist, Vergleiche zu ziehen.

So geschehen am Montagabend, als ein Walzer, der in wenigen Monaten in den Vorruhestand treten wird und im Laufe seiner langen und bewegten Laufbahn praktisch auf allen Walzstraßen auf Belval (auch auf den vielen, die stillgelegt wurden) beschäftigt war, seinem Ärger freien Lauf ließ.

Die Arbeitsbedingungen hätten sich in den letzten Jahren massiv verschlechtert. Es sei heute schlimmer als in den Jahren der Stahlkrise, als er mit vielen anderen Kollegen der Antikrisendivision angehörte und im Rümelinger Wald während langen Monaten mit Aufräumarbeiten, Heckenschneiden, Baumpflanzen und dem Anlegen von Spazierwegen beschäftigt war. Damals hätte zumindest noch ein gutes Arbeitsklima geherrscht. Was heute nicht mehr der Fall sei.

Heutzutage dominiere in so manchen Abteilungen nur mehr die Stoppuhr. Schnell, schneller, am schnellstens heiße vielfach die Devise. Wer der ständig zunehmenden Hetze nicht gewachsen sei, habe recht große Probleme, in seinem Betrieb überhaupt bestehen zu können. Denn der Konkurrenzkampf werde von oben herab regelrecht geschürt, die Schaffenden rücksichtslos gegeneinander ausgespielt.

Echte Männerfreundschaften, so wie sie früher auf der »Schmelz« immer bestanden haben, werden aufgrund des sich permanent verschlechternden Arbeitsklimas immer seltener. Was auch damit zu tun habe, dass aufgrund der zunehmenden Flexibilisierung so richtig »zusammengewachsene« Stamm-Mannschaften immer mehr die Ausnahme sind. Vorbei seien jedenfalls die Zeiten, dass Kollegen, wenn sie mal am Vorabend einen zu viel über den Durst getrunken hatten und sich tags darauf nicht so richtig in Form befanden, vom Rest der Mannschaft mit durchgenommen wurden.

»In wenigen Monaten ist Schluss. Noch vor den Sommerferien beantrage ich die »Préretraite«. Fest steht nämlich, dass ich keine Minute länger bleiben werde als notwendig. Auf meine Pension konnte ich mich übrigens in den letzten Monaten bereits schrittweise vorbereiten. Denn nachdem Ende des letzten Jahres die Produktion um 30 Prozent reduziert wurde, gehörte ich zu jenen, die öfter zu Hause bleiben mussten. Und das während mehreren Wochen. Es ist schon schwer zu ertragen, nicht zu wissen, ob, wie und wo man die nächsten Wochen arbeiten wird. Eine solche Arbeitsweise strapaziert mächtig das Nervenkostüm.

Zum Glück wird in wenigen Monaten ein für allemal damit Schluss sein. Dann werde ich nicht mehr mit ansehen müssen, wie die Leute »angetrieben« und »gemobbt« werden, wie Krankgeschriebene unter Druck gesetzt werden, viele Abteilungen unterbesetzt sind, jeder während vollen acht Stunden auf Posten sein muss, die Zeit der Kaffeepausen ziemlich knapp abgegrenzt wurde, alle Kollegen, ähnlich wie in der Armee, in die gleiche Arbeitskleidung gepresst wurden, das Tragen der Jacke Pflicht ist – egal bei welchen Temperaturen –, Ruhe- und Urlaubstage im letzten Moment gestrichen werden, immer häufiger Feierschichten eingelegt werden, ... und die geringsten Verfehlungen sofort mit einer schriftlichen Verwarnung geahndet werden.«

g.s.

Gilbert Simonelli : Mittwoch 11. März 2009