Neue Kraftprobe

Venezuela geht wegen Knappheit gegen große Lebensmittelkonzerne vor. Präsident plant weitere Enteignungen

In Venezuela hat sich die Inflationsrate im Februar gegenüber dem Vormonat nahezu halbiert. Waren die Preise im Januar um 2,3 Prozent gestiegen, betrug die Rate im vergangenen Monat noch 1,3 Prozent. Die Versuche der venezolanischen Regierung, die Inflation in den Griff zu bekommen, scheinen damit erste Erfolge aufzuweisen. 2008 hatte die Inflation auf das Jahr gerechnet bei 30,9 Prozent gelegen, was die Regierung zu einem Großteil auf eine künstliche Verknappung von Lebensmitteln und anderen Handelsgütern durch die Konzerne zurückführte.

Besetzte Reisfelder

Nachdem sich Caracas mit dem Erfolg beim Referendum vom 15. Februar gestärkt sieht, sucht das Kabinett nun offenbar auch auf wirtschaftlichem Gebiet die Kraftprobe mit den Großkonzernen. Insbesondere im Bereich der Lebensmittelverarbeitung wollen Venezuelas Präsident Hugo Chávez und seine Minister die Spekulation bekämpfen.

Bereits vor gut einer Woche hatten die venezolanischen Behörden für zunächst 90 Tage die Kontrolle über eine Reihe von Reisfabriken übernommen. Damit reagierte die Regierung auf die Praxis der Lebensmittelketten, kaum noch Naturreis anzubieten, der in den Geschäften nur zu staatlich festgesetzten Preisen verkauft werden darf, sondern den Reis weiterzuverarbeiten und ihn dann nach Zusatz von Geschmacksstoffen zum doppelten Preis auf den Markt zu werfen. Als Ergebnis dieser Praxis war in den vergangenen Wochen normaler Reis in den Supermärkten der Hauptstadt Caracas knapp geworden.

Die Unternehmen hatten argumentiert, es stünden ihnen nicht genügend Rohstoffe zur Verfügung. Das dementierten die Behörden umgehend. In den Silos lagerten gegenwärtig über 300.000 Tonnen Reis, Venezuelas Monatsverbrauch liege bei 90.000 Tonnen. Durch die gerade begonnene Ernte sollen weitere 350.000 Tonnen hinzukommen.

Neben der größten Reisfabrik des Landes, »Arroz Mary«, wurde auch die Reisfabrik »Primor en Calabozo« im Bundesstaat Guárico von den Behörden besetzt. Gegen den Widerstand der Geschäftsführung nahmen die Arbeiter anschließend die Reisproduktion wieder auf. Wie der staatliche Rundfunksender YVKE Mundial berichtet, fürchten die Arbeiter des Werkes, das dem größten venezolanischen Lebensmittelkonzern »Polar« gehört, Repressalien durch die Geschäftsführung nach einem Abzug der Behörden. Sie fordern deshalb die Enteignung und Verstaatlichung des Betriebes.

Venezuelas Handelsminister Eduardo Samán kündigte an, die Regierung werde die Arbeiter nicht schutzlos zurücklassen: »In diesem Kampf werden wir bis zum Schluß an ihrer Seite stehen«. Er selbst könne eine Enteignung des Unternehmens zwar nicht anordnen, er werde jedoch den Präsidenten Hugo Chávez über die Forderung der Arbeiter informieren. Dieser wollte eine Verstaatlichung nicht ausschließen. Sein Pulsschlag würde sich nicht einmal erhöhen, wenn er die Enteignung von Lebensmittelfabriken der großen Monopolisten unterzeichnen müßte, sagte Chávez. In seiner wöchentlichen Fernsehsendung »Aló Presidente« warnte der Präsident am vergangenen Sonntag »Polar«-Chef Lorenzo Mendoza außerdem, er solle sich nicht zum Werkzeug der Opposition machen, sonst könne er plötzlich »ohne Polar und ohne alles« dastehen.

Regierung greift durch

Daß Chávez es ernst meint, mußte am vergangenen Mittwoch bereits der US-amerikanische Lebensmittelmulti »Cargill« erleben, als Chávez die Enteignung der Reisfabrik »Santa Ana« anordnete. Mit diesem Schritt reagierten die Behörden auf Untersuchungsergebnisse, wonach der Konzern überhaupt keinen normalen Reis mehr produziert, dafür aber Tausende Tonnen Reisprodukte vertrieben habe. Coca-Cola bekommt ebenfalls die harte Gangart der Regierung zu spüren. Am Sonntag gab Chávez dem in Venezuela aktiven mexikanischen Tochterunternehmen des Limonadenproduzenten zwei Wochen Zeit, um ein Gebiet im Westen von Caracas zu räumen. Die Fläche dient dem Konzern derzeit als Parkplatz für seine Lastwagen, der Staat möchte dort aber Wohnungen bauen.

Auch die 1500 Hektar umfassenden Ländereien des irischen Papierverpackungskonzerns »Smurfit Kappa« besetzten die venezolanischen Behörden. Der Konzern hatte dort großflächig Eukalyptus angepflanzt, der dem Boden in großem Maße das Wasser entzieht, kritisierte Chávez. »Wir werden dort das Eukalyptusholz nutzen und anschließend die Flächen neu bestellen, zum Beispiel mit Bohnen, Mais oder Yucca«, kündigte der Präsident an.

André Scheer

Mittwoch 11. März 2009