Deutungshoheit

Deutsches Staatsfernsehen sendet 60 Beiträge zur deutschen Geschichte

Die Geschichtsfälscher in deutschen Redaktionsstuben lassen wirklich keine Gelegenheit aus, um den nachwachsenden Generationen das Bild von der Geschichte zu vermitteln, das der herrschenden Klasse gerade recht ist. Das Jahr 2009 bietet dazu »Jubiläen«, wie man sie sich nur wünschen kann, wenn man die alltäglichen Probleme vergessen lassen möchte.

Vor 60 Jahren, im Mai 1949, wurde in den damaligen westlichen Besatzungszonen Deutschlands ein Dokument zusammengestrickt, das geradezu einzigartig in der deutschen Geschichte ist: Eine Verfassung für einen gesamtdeutschen Staat, »Grundgesetz« genannt. Und das, obwohl die westlichen Besatzungsmächte und die neuen deutschen »Eliten« – die zu mindestens 90 Prozent mit den alten »Eliten« aus der Nazizeit übereinstimmten – alles unternahmen, um eine Entwicklung hin zu einem demokratischen Gesamtdeutschland zu verhindern. Die Verkündung des Grundgesetzes, deren Jahrestag heutzutage bejubelt wird, hatte vor allem eines im Sinn: Die Gründung eines westdeutschen Separatstaates, um wenigstens im Westen Deutschlands die Besitztümer der deutschen Großbourgeoisie zu retten, nachdem die Kriegsverbrecher und Großkapitalisten im Osten enteignet worden waren. Konrad Adenauer formulierte dazu das Motto des Handelns: »Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb«.

Weder die Verkündung des Grundgesetzes, noch die kurz danach erfolgte Gründung der Bundesrepublik Deutschland stellten jemals in der Geschichte der BRD besondere Anlässe zum Feiern dar. Das ist nun anders, denn es gibt aktuelle krisenhafte Entwicklungen, von denen man die Menschen ablenken muß. Und dazu eignet sich auch die Geschichte der DDR, denn man hat ja deretwegen heute immer noch so ein schweres Erbe zu bewältigen…

Ganz in diesem Sinne hat das erste deutsche Staatsfernsehen, auch ARD genannt, eine 60-teilige Serie produziert, mit der die deutsche Geschichte der richtigen Deutung unterzogen werden soll. Und damit die Leute auch hingucken, wird das Machwerk in bewährter Hochnäsigkeit von Sandra Maischberger präsentiert, die schon als »Reporterin« bei der Eröffnung der Olympischen Spiele ihre völlige Ahnungslosigkeit in politischen Fragen unter Beweis gestellt hatte.

Die Serie strotzt nur so von beschönigenden und von der Wahrheit weit abweichenden Darstellungen der westdeutschen Entwicklungen und von gehässigen Bemerkungen zur DDR. Während im Westen im Jahre 1951 die Menschen den beginnenden Wohlstand genießen konnten, wurden im Osten die Jugendlichen in Brigaden der FDJ zusammengefaßt, um das Eisenhüttenwerk an der Oder aufzubauen (das jetzt von ArcelorMittal verramscht wird). Während im August die Westberliner Jugendlichen im Wannsee baden konnten, mußten ihre Altersgenossen im Osten an einem »Propagandaspektakel« teilnehmen, das die DDR inszeniert hatte, nämlich an den Weltfestspielen der Jugend und Stundenten. »Die DDR läßt die Jugend aufmarschieren«, heißt es da, und die FDJ-Führung schickte die Jugendlichen sogar an die Sektorengrenze zu Westberlin, wo es »zu Konfrontationen kam«. Die Wahrheit wird natürlich verschwiegen, nämlich daß der Magistrat von Westberlin die Jugendlichen eingeladen hatte, Westberlin zu besuchen, und daß diese Jugendlichen dann von Polizisten brutal zusammengeschlagen wurden, als sie der Einladung folgten… Und natürlich darf auch nicht gesagt werden, daß diese Weltfestspiele vom Weltbund der Demokratischen Jugend (WBDJ) organisiert wurden, und daß es diese Weltfestspiele und diesen WBDJ heute noch gibt.

Indessen feiert das ARD-Stück den Beginn der späteren EU, nämlich die Gründung der Montanunion, mit einem Adenauer-Zitat: »Eisen und Stahl sollen die europäischen Völker zu einer Gemeinsamkeit des Denkens und Handelns zusammenführen«. Was schon damals eine Lüge war, ist heute auch nicht die Wahrheit.

bro

Uli Brockmeyer : Freitag 6. März 2009