Unser Leitartikel:
»Woanders morden sie«

Jean Ziegler, der Träger des »Millenniumspreises« der privaten Hilfsorganisation »CARE Deutschland-Luxemburg« ist umstritten. Galt der Schweizer, der im April 75 wird, während seines Jurastudiums noch als überzeugter Antikommunist, so war er später mit Che Guevara befreundet, den er bei dessen Besuch in der Schweiz begleitete. Nach eigenen Aussagen wurde er durch einen zweijährigen Afrika-Aufenthalt als UNO-Experte unmittelbar nach der Ermordung des kongolesischen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba und das dort gesehene Elend zu einer radikalen Änderung seiner Weltanschauung bewegt.

Wegen seiner achtjährigen Tätigkeit als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung ist Ziegler für die einen »die Stimme der Armen«, bei anderen haben ihm seine oftmals sehr deutlichen Worte gegen »über fünfhundert Jahre westliche Herrschaft über unseren Planeten« den Ruf eines »Alpenanarchisten« eingetragen. Der US-Regierung ist Ziegler mehr als suspekt, weshalb sie im Frühjahr 2008 erfolglos versuchte, seine Wahl in den Beratenden Ausschuß des UNO-Menschenrechtsrates zu verhindern. Und die von ihm als »die Hehler der Imperialisten« charakterisierten helvetischen Banker nennen ihn schlicht »Landesverräter«.

Am Montag machte Ziegler erneut auf sich aufmerksam, als er in einem Interview mit dem Berliner »Tagesspiegel« forderte, Wirtschaftsverbrechen wie Kriegsverbrechen zu verfolgen. »Die Banker haben mehr Menschen auf dem Gewissen als mancher afrikanische Warlord«, erklärte der Soziologe und rechnete anhand von Zahlen, die von der Weltbank veröffentlicht wurden, vor, daß die gegenwärtige kapitalistische Krise zusätzlich zu den 2,2 Milliarden extrem armen Menschen nun 100 Millionen weitere Erdenbürger unter die Armutsgrenze gedrückt hat.

Im Oktober hätten die 15 Regierungschefs der Eurozone beschlossen, 1.700 Milliarden Euro zur Rettung ihrer Banken lockerzumachen. In der gleichen Woche seien die Beiträge für die humanitäre Hilfe der UNO um durchschnittlich 50 Prozent gekürzt und tausende Entwicklungshilfeprojekte gestrichen worden. So seien etwa in der westsudanesischen Provinz Darfur, wo derzeit 2,7 Millionen Flüchtlinge leben, Elend und Hunger noch vergrößert worden.

»Die internationale Gemeinschaft ist verpflichtet, sie (die Flüchtlinge in Darfur) am Leben zu erhalten. Aber das Welternährungsprogramm kann nur noch Tagesrationen von 1.500 Kalorien verteilen. Das sind 700 Kalorien weniger als die von den UN festgesetzten 2.200 Kalorien, die ein Erwachsener täglich zum Überleben braucht.« Doch auch in Somalia, Kenia und Bangladesch organisiere die UNO die Unterernährung. »Die Katastrophenbanker haben nicht nur die westlichen Volkswirtschaften ruiniert. Woanders morden sie. Das ist keine Hypothese, sondern eine Tatsache.«

Schon fast antikapitalistisch äußerte sich Ziegler, als er in dem Interview beklagte, daß jeden Tag hunderttausend Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen sterben. »963 Millionen Menschen sind permanent schwerstens unterernährt, alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren.« Dabei könnte die derzeitige Landwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren, also das Doppelte der Menschheit. »Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.«

Anläßlich des 40. Geburtstages der ASTM wird Jean Ziegler am 3. März sein neues Buch »La haine de l‘Occident« im CCRN Abtei Neumünster vorstellen.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Donnerstag 26. Februar 2009