Riesenprozeß gegen Total

Bei der Explosion im französischen Toulouse im
September 2001 starben 30 Menschen

In Toulouse hat am Montag der größte Prozeß der französischen Rechtsgeschichte begonnen. Es geht um die Aufarbeitung der noch immer ungeklärten Explosion, die am 21. September 2001 am Stadtrand von Toulouse das Kunstdüngerwerk AZF, eine Filiale des Total-Konzerns, in ein Trümmerfeld verwandelte. 31 Menschen kamen damals ums Leben, 2.400 wurden verletzt und 30.000 Wohnungen im Umkreis wurden zerstört oder beschädigt.

Den Dimensionen der Katastrophe entspricht der »Prozeß der Superlative«. Die Klageschrift ist fast 54.000 Seiten stark, mehr als 1.900 Nebenkläger und 80 Anwälte sind zugelassen, 150 Zeugen und 35 Experten sollen gehört werden. Wegen der Dimensionen des Verfahrens gibt es zwei Staatsanwälte und fünf Richter. Das Interesse der Öffentlichkeit ist groß, so daß der Prozeß in einem Saal mit 1.200 Plätzen stattfindet. Das Verfahren wird durch 80 Journalisten von Anfang bis Ende verfolgt und außerdem zu Dokumentationszwecken komplett gefilmt.

Auf der Anklagebank sitzen nur Serge Biechlin, seinerzeit Direktor des AZF-Werks, und ein Vertreter des Total-Konzerns, der als Unternehmen unter Anklage steht. Dagegen endete schon 2004 ein Prozeß gegen neun Mitarbeiter des AZF-Werks wegen »Nichtbeachtung der Sicherheitsvorschriften« mit deren Freispruch. In den nächsten Wochen wird sich alles um die Frage drehen, was seinerzeit die Explosion ausgelöst hat.

Davon hängt die Schuldfrage ab, doch die ist für den Total-Konzern weniger eine finanzielle als eine Prestigefrage. In den zurückliegenden Jahren hat Total bereits mit 87.000 Geschädigten individuelle Verträge geschlossen. Die beinhalten einen Verzicht auf Forderungen im Gegenzug zu Entschädigungszahlungen durch den Konzern, die sich bereits auf rund zwei Milliarden Euro summieren. Trotzdem ist nicht auszuschließen, daß einzelne Geschädigte während oder nach dem Prozeß neue Forderungen vorbringen, weil sie sich unzureichend entschädigt fühlen.

»Nicht wenige haben das Gefühl, daß man sie mit Almosen abgespeist hat oder daß die gesundheitlichen Langzeitschäden doch größer sind, als anfangs eingeschätzt«, meint Guy Fourest, Vorsitzender des Vereins der AZF-Opfer. So hat ein medizinisches Forschungsinstitut 2006 einen Bericht vorgelegt, nach dem zahlreiche Herzinfarkte, Hörstörungen, Depressionen und posttraumatische Streßsymptome bei Bewohnern der Stadt und der Umgebung ursächlich auf die Explosion im September 2001 zurückgehen. Als seinerzeit die Eilmeldung über die Katastrophe in Toulouse über das Radio verbreitet wurde, dachten viele Franzosen unwillkürlich an den nur zehn Tage zurückliegenden Terroranschlag auf die Hochhäuser des World Trade Center in New York. Doch die Staatsanwaltschaft ist »zu 90 Prozent überzeugt, daß es sich um einen Betriebsunfall handelt«. Viel spricht dafür, daß seinerzeit in der Halle 211 irrtümlich Chlor, wie er für die Desinfektion von Schwimmbädern verwendet wird, zu einem dort aufgetürmten Berg von 300 Tonnen Ammoniumnitrat geschüttet wurde, und daß sich dabei unter Einfluß von eingesickertem Regenwasser ein hochexplosives Gemisch gebildet hat.

Diese These wird durch Laborversuche gestärkt, doch meinen einige Experten, daß sich das unter den realen Bedingungen vor Ort nie so abgespielt haben könnte. Sowohl Anwälte des Total-Konzerns als auch der Nebenkläger meinen, daß die Ermittler der Polizei und die Kriminaltechniker sowie die Staatsanwaltschaft zu wenig den Spuren nachgegangen sind, die auf terroristische oder kriminelle Ursachen hindeuten.

Der eigentliche Skandal dürfte aber sein, daß ein nach dem schweren Unglück von Toulouse erlassenes Gesetz zur Vorbeugung derartiger Betriebsunfälle bis heute nicht respektiert wird. Danach sollten bis Mitte 2008 in ganz Frankreich alle 421 Chemiewerke der »Seveso-Klasse«, also der höchsten Gefahrenstufe, eine unabhängige Untersuchung der potenziellen Gefahren durchführen und einen Plan zur Abwendung von Betriebsunfällen aufstellen und durch die Behörden abnehmen lassen. Bis heute sind erst vier solcher Pläne in Kraft, während 110 dieser Unternehmen fertiggestellt wurden und auf die Billigung durch die Behörden warten.

Ralf Klingsieck, Paris

Mittwoch 25. Februar 2009