Vor drohendem Kollaps des Gesundheitswesens

Siziliens Regierung bittet Kuba um Hilfe

Angesichts eines drohenden Zusammenbruchs des Gesundheitswesens hat sich die Regional-Regierung von Sizilien an die kubanische Regierung mit der Bitte um Entsendung eines medizinischen Teams zur Bekämpfung der dramatisch angewachsenen Cornona-Pandemie gewandt. Wie die römische Tageszeitung »La Repubblica« bereits am 23. November berichtete, ist das Ersuchen vom Kommissar für Gesundheit der Regierung, Renato Costa, über die Kubanische Botschaft im Rom übermittelt worden.

Zuvor hatte sich schon die Italienische Freundschaftsgesellschaft Asociación Nacional de Amistad Italia-Cuba am 3. November mit einer dringenden Bitte um Hilfe an die kubanische Regierung gewandt. Die ANAIC hatte in ihrem Schreiben auf die gravierende Verschlechterung der Lage hingewiesen und erklärt, die Situation sei vergleichbar mit der in den Monaten März, April und Mai, berichtete die kubanische Nachrichtenagentur Prensa Latina. Das wichtigste Problem sei das zum Teil eklatante Fehlen von ausreichend ausgebildetem Personal. Deshalb und in Auswertung der positiven Erfahrungen aus den Städten Crema und Turin in Norditalien, bat die Organisation um einen erneuten Einsatz des »Contingente Henry Reeve«, das für seine Kompetenz und seine Fähigkeiten bekannt sei, in Italien.

Sizilien gehört zur Hälfte der 20 Regionen des Mittelmeerlandes, die zu »roten« oder »orangenen« Zonen erklärt worden waren und strengsten Maßnahmen unterworfen wurden. Die Menschen müssen weitgehend zu Hause bleiben, nur Gänge zur Arbeit oder zum Arzt sind erlaubt. Alle Geschäfte, mit Ausnahme von Supermärkten, Apotheken und Zeitungskiosken, wurden geschlossen. Die Gesamtzahl der in Italien im Zusammenhang mit Covid-19 Verstorbenen war seit dem registrierten Beginn der Epidemie am 20. Februar auf 45.220 gestiegen. Sizilien, wo fünf Millionen der rund 60 Millionen Einwohner Italiens leben, hatte bis zum 28. November 39.882 Infizierungen und 1.461 Tote zu beklagen.

Gesundheitskommissar Costa begründete den Hilferuf nach Kuba mit dem Mangel an medizinischem Personal. »Wir haben die kubanische Regierung um Hilfe gebeten, weil sie über Teams von Ärzten und Pflegepersonal verfügt, die dazu bereit sind«, sagte er. Auf den »SOS-Ruf« habe es »ein positives Echo gegeben und man erwarte zwei Kontingente von jeweils 30 Anästhesisten, Virologen und Pneumologen sowie Pflegepersonal, erklärte Costa gegenüber »La Repubblica«. Das Poliklinikum von Palermo bereite sich bereits auf die Aufnahme der kubanischen Experten und ihren Einsatz in ganz Sizilien vor. Ein ähnliches Ersuchen sei an die Volksrepublik China gerichtet worden.

Nach Einsätzen ab März in der Lombardei und Piemont wird es in Sizilien das dritte Mal sein, daß kubanische Ärzte und medizinisches Personal in Italien Hilfe im Kampf gegen die Corona-Pandemie leisten. Der erste Einsatz begann auf Ersuchen der Regierung der Lombardei am 22. März, als in der Region, dem Epizentrum der Covid-19-Epidemie, das Virus besonders verheerend wütete, das Gesundheitswesen kollabierte, Menschen auf den Fluren der Krankernhäuser starben, viele auch ohne jegliche Hilfe in ihren Unterkünften. Die Toten wurden von Militär-Lkws auf die Friedhöfe transportiert.

52 kubanische Ärzte und medizinisches Personal trafen damals in Mailand ein und begaben sich direkt in die von der italienischen Armee in der Lombardei errichteten Feldlazarette zu ihrer gefahrvollen Arbeit. Sie arbeiteten oft Seite an Seite mit einem Dutzend chinesischer Ärzte, die zur gleichen Zeit in Mailand eingetroffen waren. Andere kubanische Spezialisten haben, wie der Präsident der Lombardei, Attilio Fontana, hervorhob, dazu beigetragen, »das Krankenhaus in Bergamo effizient und effektiv zu machen«

Es handelt sich um hochspezialisiertes medizinisches Personal mit langjähriger Erfahrung in der Behandlung von Infektionskrankheiten. Einige Mitglieder des nach Italien entsandten Teams waren in der Vergangenheit in Afrika eingesetzt, um die Ebola-Epidemie zu bekämpfen. Insgesamt waren von weltweit knapp 50.000 tätigen kubanischen Fachkräften mehr als die Hälfte Ärzte in Europa, in etwa 30 Ländern Afrikas, im pazifischen Raum, im Nahen Osten und in Ostasien sowie in mehr als 20 Ländern Lateinamerikas und der Karibik zur Unterstützung und Hilfe im Gesundheitsbereich tätig.

Das medizinische Personal Kubas ist Teil des Internationalen Henry Reeve Kontingents, das der damalige Staats- und Regierungschef Fidel Castro 2005 gründete, um in Krisensituationen zu helfen. 2017 wurde es von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgezeichnet. Aber bereits seit dem Jahr 1963, zwei Jahre nach dem Sieg der kubanischen Revolution, wurden bis heute mehr als 400.000 kubanische Mediziner in 164 Länder entsandt. Seit Ausbruch des Coronavirus waren kubanische Ärzte und Pfleger in über 60 Ländern im Einsatz.

Zu den Hilfsersuchen aus der Lombardei und wie jetzt Sizilien, vermerkt »La Repubblica«, es sei »eine politische Kuriosität, daß Regionen, die von der rechten politischen Mitte (wie die faschistische Allianz sich zur Tarnung ihres politischen Charakters nennt) regiert werden, kommunistische Länder um Hilfe bitten«. Wird doch die Lombardei mit Attilio Fontana von einem Mann der faschistische orientierten Lega regiert, und Sizilien mit Sebastiano Musemeci von einem Abkömmling der Alleanza Nazionale Berlusconis, aus der die heutigen »Brüder Italians« (FdI), der fanatischen Faschistin Geogia Meloni hervorgingen.

Vor allem lenkt das den Blick auf den unterschiedlichen sozial-ökonomisch Hintergrund, der in der jetzigen Pandemie besonders sichtbar wird: In Italien, aber nicht nur dort, ist das Gesundheitswesen in der neoliberalen Entwicklung den kapitalistischen Profitinteressen unterworfen und wurde zu großen Teilen privatisiert, was nun zu tödlichen Auswirkungen in der Corona-Krise führte. Unter sozialistische Bedingungen wie in China oder in Kuba dagegen sind diese Faktoren ausgeschaltet, und die Politik stellt auch das Gesundheitssystem in den Dienst der Interessen der Menschen, abgesehen davon, daß seine Entwicklung geplant wird.

Während die faschistische Allianz ansonsten sogar die von den Sozialdemokraten des Partito Democratico (PD) geführte Mitte-Links-Regierung stürzen will, wandten sich deren Politiker angesichts der Hilflosigkeit gegenüber der tödlichen Wirkungen von Civid-19 an den kommunistischen Klassenfeind um Hilfe. Das unterstrich einmal mehr, wie ernst die Situation war. Ob das zu einem bestimmten Wechsel in dem, was man politische Kultur der Auseinandersetzung nennt, führen könnte, wird bezweifelt und bleibt abzuwarten.

Gerhard Feldbauer

Genesene Patienten und italienische Kollegen luden am 12. Juli 2020 in Turin die Mitglieder des kubanischen »Contingente Henry Reeve« zum Dank für ihren Einsatz zu einem Abschiedsessen unter dem Motto »Plaza Cuba« ein (Foto: EPA-EFE/ALESSANDRO DI MARCO)

Montag 30. November 2020