»Digitaler Wegelagerer«

Wachsende Protestbewegung in Frankreich gegen Übermacht von Amazon

Während in der gegenwärtigen Gesundheitskrise fast alle Geschäfte geschlossen bleiben müssen und viele kleine Händler vor dem Ruin stehen, boomt der Internethandel. Der größte Nutznießer ist der US-amerikanische Internethändler Amazon. Er konnte durch die französische Regierung nur mit Mühe dazu bewegt werden, den für den 27. November geplant gewesenen »Black Friday«, diese aus den USA importierte Marketingkampagne, mit der in der Vorweihnachtszeit mit attraktiven Preisen »abgeräumt« wird, um eine Woche zu verschieben.

Bis dahin sollen auch die kleinen Läden wieder öffnen dürfen und ihre Chance fürs Weihnachtsgeschäft bekommen. »Weihnachten ohne Amazon« fordert eine Petition, die von Politikern linker und grüner Parteien und Organisationen sowie von Persönlichkeiten des kulturellen Lebens, Gewerkschaftern und Nichtregierungsorganisationen unterzeichnet wurde. In dem Text, der den Begriff »Boykott« vermeidet, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, wird Amazon als »digitaler Wegelagerer« charakterisiert.

Gleichzeitig wird dazu aufgerufen, durch das eigene Kaufverhalten bewußt den lokalen Handel zu unterstützen. Noch weiter geht eine zweite Petition »Stoppt Amazon, bevor es zu spät ist«. Sie wurde von Attac, Greenpeace und weiteren 120 Organisationen und Persönlichkeiten im Internet gestartet. Sie prangern die sozialen Ungerechtigkeiten an, die durch Corona und gleichzeitig durch marktbeherrschende Großkonzerne wie Amazon noch vertieft werden. Um der Steuerflucht von Amazon endlich ein Ende zu bereiten, wird eine Sondersteuer auf den Inland-Umsatz ausländischer Internethändler gefordert. Die gegenwärtige Berechnung der Unternehmenssteuer anhand des Gewinns lädt förmlich dazu ein, diesen trickreich zu »optimieren« und den Profit in Steueroasen »in Sicherheit« zu bringen.

Frankreich war Ende der 1990er Jahre das erste Land Europas, in dem sich Amazon angesiedelt hat. Heute gibt es hier sechs große Distributionszentren und zwei weitere sind im Nordosten und im Südwesten des Landes geplant. Außerdem gibt es mehr als 20 regionale und lokale Umschlag- und Zustellzentren, zu denen pro Jahr bis zu zehn neue hinzukommen sollen. Doch dieses Wachstum wird dadurch gebremst, daß sich vielerorts Widerstand formiert, sobald Pläne für eine Amazon-Ansiedlung bekannt werden. Gegenwärtig konzentriert er sich auf geplante Standorte unweit von Nantes, Rouen und Mulhouse, während Amazon in Mondeville bei Caen schon aufgegeben hat.

Deswegen geht der Internethändler dazu über, Immobilienunternehmen vorzuschicken und sich zu einem neuen Standort erst zu bekennen, wenn der Bau fertig ist und vollendete Tatsachen geschaffen wurden.

Es gibt aber durchaus auch Orte in wirtschaftlichen Krisenregionen, in denen Amazon mit seinen Arbeitsplätzen und Lokalsteuern willkommen scheint. Das trifft beispielsweise auf ein Zustellzentrum nahe Quimper zu, das 2021 den Betrieb aufnehmen soll und wo schon seit Monaten Bewerbungen eingehen. Für viele, vor allem junge Franzosen ist ein Arbeitsplatz bei Amazon sicher kein Traumjob, aber oft ein Einstieg ins Arbeitsleben oder eine Übergangslösung. In den vergangenen zehn Jahren hat Amazon in Frankreich 4.500 der heute 9.500 feste Arbeitsplätze geschaffen.

Allerdings gingen für jeden hier neu geschaffenen Platz schätzungsweise zwei bis vier Arbeitsplätze im traditionellen Handel verloren, und die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind immer wieder Anlaß für Streiks und Prozesse vor den Arbeitsgerichten.
Über einen Mangel an Kunden kann sich Amazon allerdings nicht beklagen.
Zusammen mit seinen Partnern auf dem Marketplace, auf die rund die Hälfte des Gesamtumsatzes entfällt, werden rund 22 Millionen verschiedene Artikel angeboten, und im vergangenen Jahr wurden 186,2 Millionen Bestellungen ausgeführt. Vor allem auf dem Lande, wo der Einzelhandel dünn gesät ist und es oft auch bis zum nächsten Supermarkt weit ist, wird Amazon dankbar angenommen und kräftig genutzt. Die Logistik wird immer weiter perfektioniert, um den Vorsprung zur Konkurrenz weiter auszubauen.

Im vergangenen Jahr haben 21 Millionen Franzosen bei Amazon eingekauft, das ist mehr als jeder zweite Erwachsene. Bei 20 Prozent liegt der eigene Marktanteil im Internethandel, der in Frankreich wiederum 10 Prozent des gesamten Einzelhandels ausmacht.

Durch die Coronakrise ist der Umsatz in diesem Jahr um 40-50 % gestiegen, räumte Frédéric Duval, der Chef von Amazon France, in der vergangenen Woche in einem Rundfunkinterview ein. Im Weltmaßstab stieg der Amazon-Umsatz allein im dritten Quartal um 37 Prozent auf 96,12 Milliarden Dollar, und der Gewinn verdreifachte sich auf 6,3 Milliarden Dollar.

Ralf Klingsieck, Paris

(Foto: DENIS CHARLET/AFP)

Mittwoch 25. November 2020