Unser Leitartikel:
Pfeifen im Walde

Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Die geballte Intelligenz und Führungskraft, das Wissen Dutzender Bibliotheken, mehr als ausreichend Mittel für die Anfertigung von Studien und Lösungsvorschlägen hatten sich da auf Einladung der größten Kanzlerin aller Zeiten am Wochenende in Berlin versammelt. Alles zusammengenommen, was die politischen Führer von fünf »führenden Wirtschaftsmächten«, der Eurogruppe, der EZB und der EU auf die Waagschale zu bringen imstande sein sollten, müßte eigentlich ausreichen, um einen Sturm von Veränderungen anzustoßen. Heraus kam nicht mehr als ein laues Lüftchen, eigentlich nur ein Furz, der schnell verweht.

Was haben sie sich nicht alles ausgedacht, die Koryphäen der europäischen Wirtschaft und Politik. Eine Regulierung der Finanzmärkte. Das ist etwa so wie die Quadratur des Kreises, denn das Prinzip des freien Marktes darf ja bekanntlich nicht angerührt werden, denn ohne dieses Prinzip gibt es kein ungezügeltes Geldmachen, und ohne das gibt es keinen Kapitalismus.

Gegen Steueroasen wollen sie vorgehen. Allerdings nur soweit, daß ihre eigenen Interessen nicht verletzt werden… Die Banken sollen »Kapitalpuffer« anlegen. Das heißt, sie sollen freiwillig größere Summen zur Seite legen und nicht dem »freien Markt« zuführen, genauer gesagt, dem Prozeß des Geldmachens entziehen. Da könnte man auch einem Fisch sagen, er soll auf das Schwimmen verzichten. Und die Managergehälter und Bonuszahlungen haben »Unbehagen« bei den wackeren Krisenbekämpfern hervorgerufen, hört man. Da haben sie den größten ihrer Zeigefinger hervorgeholt, mit dem sie finster drohen können. Die ersten Manager sollen sich schon sicherheitshalber den Weg zur nächsten Suppenküche haben zeigen lassen, geht das Gerücht…

Und dann haben wir noch den Protektionismus. Also der geht ja nun gar nicht, wenn wir schon eine Krise haben. Hat eigentlich noch niemand bemerkt, daß es hier um nichts anderes geht als um den ganz alltäglichen Konkurrenzkampf, der einer der Wesenszüge des Kapitalismus ist, wenn er auch zuweilen »Wettbewerb« oder »Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit« genannt wird?

Den eigentlichen Vogel hat die deutsche Kanzlerin abgeschossen. Sie fordert eine »Charta für nachhaltiges Wirtschaften«, am liebsten so eine Art Wirtschafts-UNO, natürlich unter deutscher Präsidentschaft. Letzteres hat sie zwar nicht gesagt, aber an wessen Wesen könnte sonst die Welt genesen?

Interessant ist, daß unser Premierminister, der sich sonst zumindest bemüht, mit eigenen Geistesblitzen in der Öffentlichkeit zu glänzen, mit der deutschen Kanzlerin in das selbe Horn stößt. Außer der Erkenntnis »Die Finanzkrise ist noch längst nicht vorbei« ist ihm nicht viel eingefallen.
Doch, eine Sache hat er noch ganz tapfer angemerkt. Die Euro-Länder sollten sich eine »Exit-Strategie« zulegen, um mit Hilfe eines geordneten Rückzugs aus der Schuldenfalle herauszukommen. Man müsse möglichst schnell zur Budgetdisziplin zurückkehren, fügte er an. Na klar, er hat Angst, daß der Euro diese Krise nicht überlebt – und was bliebe dann noch an Dauerhaftem, was JCJ erschaffen hat?

Angesichts der tatsächlichen Ausmaße der Krise haben sich die Geistesgrößen der EU offenbar im Wald verirrt und versuchen nun, sich durch ein wenig Pfeifen etwas Mut zu machen.

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Dienstag 24. Februar 2009