Es gibt Vor- und Nachteile (Teil 1):

Telearbeit ist kein Allheilmittel

Das Sozialpartnerschafts-Gremium Wirtschafts- und Sozialrat (WSR), in dem Regierung, Patronat und Gewerkschaften vertreten sind, hat in der Vollversammlung vom vergangenen Freitag ein Gutachten zur Telearbeit einstimmig durchgewunken, das am Ende den Entwurf einer neuen Konvention zum Thema umfaßt. Das Ganze wurde sofort dem Arbeitsminister übermittelt, der darob höchst erfreut war. Eine Aktualisierung der bisherigen Konvention, die noch vom 21. Februar 2006 datiert, auch wenn sie erst am 15. März 2016 durch großherzogliches Reglement für allgemein verbindlich erklärt wurde, sollte demnach bald erfolgen.

Das ist auch mehr als nötig, weil die derzeit gültige Konvention gelegentliche Telearbeit gar nicht berücksichtigt. Es ist das aber die, die am meisten zunahm in den letzten Jahren. Eine repräsentative Umfrage des Statec bei 8.000 Landesbewohnern im Jahre 2018, veröffentlicht im Februar 2019 im Bericht »Travail et Cohésion sociale«, ergab so, daß 20 Prozent der im Land lebenden Beschäftigten (Grenzgänger waren nicht erfaßt) Telearbeit leisteten und folglich 80% keine. 2010 erklärten erst 7% Telearbeit zu leisten, aber die Zunahme liegt vor allem bei einer Stundenanzahl von unter 8. Denn bei den Wochenstunden kam 2018 nur 1% auf mindestens 32 und nur 2% auf 16-31. 8-15 Wochenstunden kamen bei 4% zusammen, 4-7 Stunden bei 5% und weniger als 4 Stunden bei 8%.

52 Prozent erklärten 2018, ihre Arbeit sei nicht geeignet für diese Art Arbeitsorganisation und 36% teilten mit, ihr Betrieb erlaube das nicht. Das hat sich mit dem von der Regierung verordneten Lockdown Mitte März schlagartig verändert, wo tatsächlich 48% – hier Einwohner wie Grenzgänger – in Telearbeit geschickt wurden. Doch da ging es ums Aufrechterhalten der wirtschaftlichen Aktivität, die sost gar nicht hätte stattfinden können, Es wurde das aber auch nur möglich, weil die Grenzwerte in bilateralen Abmachungen aufgehoben wurden, ab denen sonst für diese Zeit die Pendler in ihrem Land steuerpflichtig würden. In normalen Zeiten sind das für Einwohner der BRD nur 19 Tage, in Belgien 24 und in Frankreich 29 Tage.

Wobei bei der Sozialversicherung Pendler vollständig in jene ihres Wohnlands fallen, wenn sie 25% ihrer Arbeitszeit in diesem verrichten, eine Regelung die jetzt auch ausgesetzt ist – für Belgien und Frankreich bis Jahresende, wobei sie mit der BRD nur monatlich verlängert wird. Da die Sozialversicherungsbeiträge nicht nur für Lohnabhängige, sondern ganz besonders auch für Betriebe erheblich höher sind in unseren drei Nachbarländern, ist das völlig uninteressant für alle. Zudem käme da ein erheblicher zusätzlicher Verwaltungsaufwand hinzu, müßte sich doch der Betrieb dann ebenfalls bei der ausländischen Sozialversicherung anmelden, um dorthin vorschriftsmäßig seine Beiträge zu entrichten. Dazu wird kein Betriebsleiter bereit sein, ganz besonders nicht jene, die wegen der niedrigeren Beiträge über die Grenze rübergemacht haben aus der Großregion – und das sind nicht wenige.

Der WSR empfiehlt daher der Regierung, bilaterale Abkommen anzustreben, mit denen die steuerlichen Regelungen an jene der Sozialversicherung angepaßt werden. Das wären dann 55 Tage, wenn wir von einer Jahresarbeitszeit von 220 Tagen ausgehen. Doch dem WSR ist klar, daß das nicht zum Nulltarif gehen wird. Das wird Luxemburg sich ein paar Millionen kosten lassen müssen!

Umwelt profitiert wenig

Das brächte mehr Flexibilität und zweifelsfrei ein Abflachen bei den Verkehrsspitzen am Morgen und am Abend. Denn auf die Länge und die Dauer von Staus haben schon kleine Veränderungen beim Andrang einen großen Einfluß – und das ganz besonders bei den Orts- und Stadteinfahren.

Allerdings sollte sich davon niemand große Verbesserungen für die Umwelt erwarten. Denn auch wenn die Leute nicht zur Arbeit fahren, heißt das nicht, daß sie zum Beispiel ihre Kinder nicht zur Schule oder zur Krippe bringen oder nicht einkaufen fahren, Sachen, die sie sonst auf dem Weg zur Arbeit und wieder zurück nach Hause erledigen. Und es nutzt der Umwelt nicht wirklich was, wenn dann bei Grenzgängern die erledigten Wege nicht in Luxemburg liegen.

Jedenfalls ergab eine im Juni 2014 veröffentlichte Studie für die Stadt Lille, daß sich höchstens 5 Prozent Treibhausgase mit Telearbeit einsparen ließen – und das ist richtig wenig.

Besonders Horeca und Staatsbudget leiden

Mit der Überkonzentrierung der Arbeitsplätze hierzulande in der und um die Hauptstadt herum (dort sind 75% der landesweiten Beschäftigten tätig), lebt davon ein Großteil der Restauration aber auch des Einzelhandels. Laut einer Studie der Horeca fallen da pro Arbeitstag im Schnitt 25 Euro in der Restauration und 15 Euro im Einzelhandel an Ausgaben von jedem Beschäftigten an. Würden 45% der Einwohner, die das ja heute schon dürften, und 40,5% der Grenzgänger, die dazu die angesprochenen Konventionen bräuchten, an einem Tag pro Woche von zu Hause aus arbeiten, wären das nach den Zahlen von 2019 immerhin 197.914 Leute.

Pro Tag ergäbe das rund 40.000 Hin- und Herfahrten weniger, was auf die Verkehrsspitzen schon einen ordentlichen Einfluß in Richtung Stauverminderung hätte. Allerdings brächte das für den lokalen Handel und den Horeca-Sektor einen Umsatzverlust von 350 Millionen Euro im Jahr. Im Horeca-Bereich drückt sich das im Verlust von 2.000 Arbeitsplätzen aus, woraus 17 Mio. Sozialversicherungsbeiträgen entfallen und 6 Mio. Lohnsteuer. Bei der Mehrwertsteuer käme es für den Staat zu einer Mindereinnahme von 10 Millionen.

jmj

(wird fortgesetzt)

Mittwoch 16. September 2020