»Mit einem Trinkgeld können wir uns keine besseren Arbeitsbedingungen kaufen«

OGBL: Bei Krisen wie der Coronaviruspandemie kann nur ein starkes und einheitliches öffentliches Gesundheitssystem den zusätzlichen Anforderungen standhalten

So wie ständig genügend Feuerwehrleute in Alarmbereitschaft sein müssen, um einen jederzeit möglichen Großbrand löschen zu können, so muß auch das Gesundheitssystem über genügend Mitarbeiter verfügen, damit es Krisen wie der Coronaviruspandemie standhalten kann. Es reiche nicht, den Spitalsmitarbeitern in der Coronakrise eine Sonderprämie zu zahlen, um Gesundheits- und Pflegeberufe attraktiver zu machen, hieß es am Montag auf einer per Livestream über das Internet übertragenen Pressekonferenz des OGBL-Syndikats Gesundheit und Sozialwesen. Mit einem Trinkgeld könne man sich nun mal »keine besseren Arbeitsbedingungen kaufen«, erklärte OGBL-Zentralsekretär Pitt Bach, der in einem Sicherheitsabstand zwischen Syndikatspräsident Thomas Klein und Syndikatsvizepräsidentin Chantal Gantrel Platz genommen hatte.

Schon vor der gegenwärtigen Coronakrise sei der Gesundheits- und Pflegesektor in Luxemburg »auf den Felgen gefahren«, erinnerte Zentralsekretär Bach. Mittlerweile habe sich die Lage in den Spitälern und Pflegeheimen derart zugespitzt, daß man gezwungen sei, ehemalige Mitarbeiter aus dem Vorruhestand und der Pension wieder zurückzurufen und Studenten zu mobilisieren. Angesichts dessen reiche es nicht, dem Personal der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen zu applaudieren, man müsse ihnen auch zuhören, um die richtigen Lehren aus der Krise ziehen zu können. Als größte Gewerkschaft im Gesundheits- und Sozialwesen wolle der OGBL das »Sprachrohr« dieser Schaffenden sein, damit die seit langer Zeit bestehenden Probleme endlich gelöst werden können.

Wichtig sei, daß das Gesundheitssystem in öffentlicher Hand bleibe, und daß es wieder verstärkt nach einer »öffentlichen Logik« funktioniere. »Private Kommerzüberlegungen haben im Gesundheitssektor nichts verloren«, stellte Bach klar. Profitstreben, wie es insbesondere von »externen Beratern« immer wieder propagiert werde, führe »unweigerlich in eine Zwei-Klassen-Medizin«, die nicht zu verantworten sei. Um eine hochwertige Pflege und medizinische Versorgung für alle sicherstellen zu können, fordert der OGBL einen einheitlichen Kollektivvertrag für alle Schaffenden in den Spitälern und Pflegeheimen, aber auch für die in der häuslichen Pflege und im übrigen Sozialsektor Schaffenden. Außerdem müsse bei der Entlohnung mehr Rücksicht auf den Ausbildungsstand sowie auf den von ihnen tagtäglich bewältigten Arbeitsaufwand genommen werden. Letzteres ließe sich zum Beispiel über die Bettenzahl messen.

Auch die Ausbildungen von medizinischem und Pflegepersonal müßten dringend reformiert, kohärenter strukturiert und an internationale Standards wie das Bachelor-Master-System angepaßt werden, um ihre Attraktivität zu erhöhen. Andernfalls würden Studenten und Auszubildende die Spitäler weiterhin »völlig demotiviert verlassen«, mahnte Bach. Der OGBL sei stets gegen die Auslagerung wichtiger Teile des Gesundheitssystems in die Privatwirtschaft gewesen, in der Coronakrise zeige sich nun, wie wichtig beispielsweise Labore sind, und daß »jede kommerzielle Logik« im Gesundheitssektor stets »auf Kosten der Qualität« gehe. Auch Syndikatspräsident Klein, der selbst im Hôpital Kirchberg arbeitet, nannte die Prämie ein »Trostpflaster«, das nichts an den schlechten Arbeitsbedingungen ändere.

oe

Hoffen auf bessere Arbeitsbedingungen: Intensivpflegekräfte im Centre Hospitalier du Nord mit einem französischen COVID-19-Patienten kurz vor seiner Entlassung (14.4.2020)
(Foto: CHdN)

Oliver Wagner : Montag 20. April 2020