Gewerkschaft »Solidarité Eruopéenee« meldet sich:

EU-Bedienstete in ihrer immer weniger schönen Welt

Das Zeitalter der fürstlich entlohnten EU-Beamten geht dem Ende zu: ein paar wenige ältere Exemplare dieser Gattung stehen kurz vorm Pensionsantritt. Je weniger lang jemand beim Laden ist, desto weniger fürstlich geht es zu bei der Entlohnung. Vertragsbedienste ohne Delokalisierungsprämie (also Luxemburger und Leute, die länger als 5 Jahre im Land leben) lägen unter dem Luxemburger Mindestlohn: deswegen gibt es in dieser Kategorie keine solchen Leute mehr.

Jene, die ohne angespartes Kapital etwa aus den neuen Mitgliedsländern als Vertragsbedienste nach Luxemburg kommen, und mit der Delokalisierungsprämie knapp den Luxemburger Mindestlohn überspringen, sind alles andere als auf Rosen gebettet. Fürs Anmieten ihrer ersten Wohnung haben sie blitzartig 4-5.000 € Schulden – und dieser Betrag ist das Dreifache ihres Monatsgehalts. Weil das der wenig sozialen Kommission völlig egal ist und keine Bank bereit ist, den dafür nötigen Kredit springen zu lassen, ist die »Solidarité Européenne« froh, ein Übereinkommen mit dem Verein Etika erreicht zu haben: die Betroffenen erhalten bei diesem einen »Mikrokredit«, wie er ansonsten in Asien und Afrika angeboten wird.

Asoziale EU

Aber bitte: wir haben immer schon geschrieben, daß die EU ein asozialer Verein ist, und das ist bei einem imperialistischen Staatenbündnis auch keine besondere Überraschung.

Noch schlimmer als den Vertragsbediensten geht es jenen Leuten, die über eine Luxemburger Interimfirma eingestellt werden: da werden in Luxemburg gültige Kollektivverträge prinzipiell mißachtet. Z.B. erhält eine Krankenschwester, die in der Kinderkrippe Dienst tut, brutto 18,52 €‚/Stunde, und basta. Für die Zeit vom 20. Dezember bis 2. Januar, wenn die Kommission ihre Büros zusperrt, gibt es einfach keine Interimverträge, und daher auch kein Geld. Noch Fragen oder Illusionen über den sozialen Charakter der EU-Kommission?

Nun denn: EU-Bediensteten werden in Luxemburg 15% höhere Tarife verrechnet in der Gesundheitsversorgung als anderen Sterblichen. Das wirkt sich dann so aus: für eine Ohrenuntersuchung in der Klinik verrechnet der Spezialist 70 €. Zwei Wochen später kommt eine Rechnung über 450 € von der Klinik fürs dortige Vorbeischauen. Das haben EU-Bedienstete zunächst zu begleichen, bevor sie eine Rückzahlung abzüglich Selbstbehalt bekommen. Schau wo Du bleibst, bei Anfangsgehältern zwischen 1.728 und 2.941 Euro (letzteres für Uni-Absolventen).

Unfug Mamer

Der Standort Mamer für eine zweite Europaschule ist so weit unumstößlich, selbst wenn die Eröffnung eben von 2011 auf 2012 verschoben wurde: ein durchaus normaler Vorgang in diesem Land, auch wenn das die EU-Bediensteten überrascht. Tatsache bleibt, daß Mamer für die wenigsten Leute am Weg zur Dienstelle auf dem Kirchberg, der Cloche d’Or oder dem Bahnhofsviertel liegt. Es macht daher wenig Sinn, von der Vorschule bis zur Oberstufe des Lyzeums einen Teil der Sprachensektionen komplett dorthin zu verlegen, soll nicht zusätzlicher Verkehr und damit auch CO2-Ausstoß erzeugt werden. Es muß jedem einleuchten, daß Eltern nicht bereit sind, Kleinkinder mit öffentlichen Verkehrsmitteln loszuschicken.

Daher die Bitte, auf Kirchberg für alle den Kindergarten und die Primärschule anzubieten, in Mamer aber die beiden Lyzeumszyklen für alle anzubieten: deren SchülerInnen sind alt genug, um ohne Begleitung mit Zug und Bus zu fahren.

Eigentlich sollte das für alle Enstscheidungsträger und Parteien einsichtig sein, auch wenn dafür die Änderung eines Beschlusses nötig ist: wirklich viel ist dafür wohl an den Plänen nicht zu ändern, die Installation kleinerer Ausführungen bei den Toiletteanlagen für Vorschulkinder wird so kompliziert nicht sein, daß das Bautenministerium damit überfordert sein dürfte.

Allerdings kommen die Wahlprüfsteine der »Solidarité Européenne« reichlich spät, um noch großen Einfluß auf Wahlprogramme zu erhalten, selbst wenn bereits mit LSAP, DP und Grünen gesprochen wurde, während ein Termin mit der CSV noch bevorsteht.

Polfer von Kinnock bei Sitzfrage über den Tisch gezogen!

Für das Wahlvolk von Bedeutung dürfte allerdings sein, daß sich die Tochter eines bekannten verflossenen Hauptstadtbürgermeisters als Außenministerin 2003 von Kommissar Kinnock übertölpeln hat lassen. Wohl erhielt Luxemburg damals die zusätzlich zur EU stoßenden Übersetzer, weil aber die Löhne mit dem Beitrittszeitpunkt für EU-Bedienstete um 30% sanken, war danach die Gesamtlohnmasse am Sitz Luxemburg niedriger als zuvor. Lydie Polfer, und die Mitglieder jener CSV-DP-Regierung, die dem zustimmte, empfehlen sich damit nicht für weitere Ämter.

Daß die EU-Bediensteten allerdings in einer eigenen Welt leben, die mit Luxemburg nur bedingt zu tun hat, zeigt sich etwa darin, daß sie unbedingt ein eigenes Sport- und Kulturzentrum haben möchten, weil es ein solches schließlich auch in Brüssel gibt: warum zum Teufel können sie nicht dorthin gehen, wo alle anderen Sterblichen im Land auch hingehen? Das wäre wohl die bestmögliche Integration, eine wesentlich bessere, wie wenn Luxemburger Vereine mit Vereinen von EU-Bediensteten zusammentreffen oder Luxemburger zu Veranstaltungen von EU-Vereinen kommen.

jmj

Sonnabend 21. Februar 2009